demnächst über:

 … Steffen Kopetzky: Risiko oder über Fallada: Kleiner Mann – was nun? (Lohnt es sich, etwas über Wieland: Geschichte der Abderiten zu sagen, wenn man keine Zeit hat, die Sekundärliteratur zu berücksichtigen?) Vermutlich nicht mehr über Cormac McCarthy: No Country for Old Men, schade eigentlich


Vorläufig endgültige Urteile:

16. Mai 2017, ergänzt und korrigiert am 18. und 20. Mai (Vorsicht, lang!)
Heinz Rein: Finale Berlin, mit einem Vorwort von Fritz J. Raddatz, Frankfurt am Main u.a. 2015 (Büchergilde Gutenberg, Lizenz Schöffling & Co.), 1. Aufl. dieser Ausgabe 1980, EA 1948

Obwohl ich schon vor geraumer Zeit einige an sich bemerkenswerte Beobachtungen am Text des ›Romans‹ von Heinz Rein gemacht habe, fällt es mir schwer, meine Eindrücke auszuformulieren und zu fixieren. Das liegt daran, dass ich nicht recht weiß, welche Schlüsse aus diesen Befunden zu ziehen wären, weder für die Bewertung des Romans (nun, man wird sehen, dass mir dieser Eintrag darüber mehr Klarheit verschafft hat) noch für die Gattung, der er angehört, überhaupt.

Ich möchte keine Inhaltsangabe geben; Rein will die Schlacht um Berlin und die Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland schildern. Er erzählt zu diesem Zweck die Geschichte einer kleinen Gruppe von Oppositionellen (im Kern Sozialdemokraten und Kommunisten), auf die ein politisch völlig unerfahrener junger Deserteur Mitte April 1945 im Zentrum von Berlin stößt. Die Geschichte ist im Ganzen ein bisschen unwahrscheinlich; die wenigen Akteure tun und erleben gar zu viel in den paar Tagen bis zur Kapitulation von Groß-Berlin Anfang Mai. Um den dokumentarischen Einsprengseln (in Form von Zeitungs- und Rundfunkzitaten) und den langen Reden der politisch geschulten älteren Leute etwas entgegenzusetzen, das eine Romanhandlung ausmachen kann, schreckt er auch vor Spannungseffekten des Kriminalromans nicht zurück (womit dem Deserteur Gelegenheit gegeben wird zu zeigen, dass es ihm keineswegs an Mut fehlt …). Dagegen ist nicht viel zu sagen, die Handlung erlaubt dem Autor auch, gesellschaftlich und politisch ganz unterschiedlich lokalisierte Personen ins Geschehen zu ziehen, karrierebewusste Angestellte in Ministerien, Polizisten mit unterschiedlichen Aufgaben und Gesinnungen, Privatleute, die zäh am Glauben an Führer und Endsieg hängen, und viele ›einfache Berliner‹, die mit heiler Haut davonkommen möchten und darauf warten, dass es vorbei ist.

Obwohl der Roman als solcher also seine Schwächen hat, ist er von der ersten bis zur letzten Seite eine faszinierende Lektüre. Die Mischung aus Narration und Dokumentation erzeugt beim Leser – gerade in der Kombination mit der politischen Reflexion der Figuren, die man ihnen abnimmt – das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen (wenngleich glücklicherweise als unverwundbarer Beobachter); man erfährt so viele Details sowohl aus dem Alltagsleben der späten Kriegsjahre als auch über die schwer vorstellbaren Kampfhandlungen mitten in Berlin, dass man schon aus Neugier viele Seiten des dicken Buches rasch verschlingt.

Fiktive Handlung hin oder her, die Wirkung des Buches beruht (zumal bei den Nachgeborenen) zu einem großen Teil auf diesem Eindruck der Authentizität, um den der Autor auch wesentlich bemüht ist, wie man an den wörtlichen Zitaten aus Reden und Leitartikeln, an den präzisen Ortsangaben und daran sieht, dass die Handlung sozusagen den Frontverlauf immer genau berücksichtigt. Genau deshalb gibt es zwei Problemfelder, die beide mit der Genese des Textes, mit den Zeitumständen zu tun haben, aber auf unterschiedliche Weise.

Den ersten Komplex spricht Raddatz in seinem Nachwort (zur neuen Auflage 2015 der Neuausgabe von 1980) an. Er spricht umstandslos von ›sachlichen Fehlern‹, die mit der Eile bei der Abfassung zu erklären wären (S. 754f.). Raddatz wird sich für das kurze Nachwort auch nicht viel Zeit genommen haben, er urteilt jedenfalls schlicht nach historischem common sense: »… natürlich standen im April 1945 der deutschen Luftwaffe keine Stukas mehr zur Verfügung, die im Buch noch scharenweise in den Kampf um Berlin eingreifen und massenweise Zivilisten in den Tod bomben. Es gab ja nicht mal mehr Benzin für die Kradmelder.« Ganz so einfach ist das nicht, mindestens bis Mitte März hat die Luftwaffe gelegentlich noch hochmoderne Arado-Düsenbomber eingesetzt (gegen die Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Remagen); Flugzeuge waren, im Gegensatz zu Benzin und Piloten, ohnehin noch reichlich vorhanden. Man liest (ohne völlig verlässliche Quellenangaben) auch noch von Luftwaffeneinsätzen während der »Schlacht um die Seelower Höhen« ab 17. April. – So leicht lassen sich Schlachtendetails halt nicht aufklären; dieser angebliche Stuka-Einsatz in der Landsberger Chaussee (S. 588f.) klingt besonders spektakulär und dabei auch ein bisschen wie nach dem Hörensagen beschrieben (welche Quelle käme sonst dafür in Frage? Er hat nicht am nächsten Tag in der Zeitung gestanden …). Ähnliches kann man über die (ebenfalls außerhalb der eigentlichen Handlung berichtete) Sprengung des Karstadt-Gebäudes am Hermannplatz (S. 589-591) sagen oder über die Flutung des S-Bahn-Tunnels unter dem Landwehrkanal (S. 592f.; Wolfgang Schneider schreibt dazu in der FAZ-Rezension des Romans vom 7.5.2015: »Die Flutung des Nord-Süd-Tunnels der S-Bahn wird vom 2. Mai auf den 25. April verlegt und als apokalyptische Katastrophe beschrieben, als perfider Massenmord an den vielen Menschen, die dort Zuflucht vor den Kämpfen suchen. Aber bis heute ist umstritten, ob durch die Flutung überhaupt Menschen umkamen.«).

Liest man dazu Wikipedia-Artikel und sonstige Internetquellen, gewinnt man den Eindruck, dass das Geschichten waren, die in der mündlichen Überlieferung in der Stadt schnell die Rolle von Kristallisationspunkten gespielt haben mögen: sozusagen als Miniaturen, die den ganzen Irrsinn der Schlacht und der Zerstörung der Stadt überhaupt erzählbar machen (in Varianten werden sie sicher noch lange forterzählt werden). Rein setzt sie auch ein, um immer wieder eindeutig die Schuldigen zu benennen und sie als rücksichtslose Verbrecher (auch gegenüber dem eigenen Volk) zu denunzieren. Genau scheinen sich die Abläufe bei speziell diesen Vorgängen nicht mehr klären zu lassen; in gewisser Weise hat Rein ganz recht, die Verantwortung der Nazis dafür herauszustreichen, während eine Art Unschuldsvermutung der abwägenden Darstellungen in der Wikipedia dann vergleichsweise bizarr wirkt.

Aber jeder Ankläger riskiert (das ist eine Lehre der Rhetorik, nicht der Geschichte) sehr schnell die Glaubwürdigkeit seiner Beschuldigungen, wenn er es mit den Tatsachen nicht so genau nimmt. – Der Sache mit dem vermeintlichen deutschen Luftangriff auf flüchtende Zivilisten in der Landsberger Chaussee hoffe ich irgendwann noch nachgehen zu können; es wäre schön, Rein in diesem Punkt rehabilitieren zu können oder wenigstens irgendeine Gewissheit zu erlangen.

Gravierender als nicht mehr belegbare und im Roman zwangsläufig unbelegte Einzelheiten (freilich, die Geschichte ist die Summe der einzelnen Geschehnisse …) scheinen mir die Veränderungen zu sein, die der Text zwischen 1947 und 1980 erfahren hat, und über die der heutige Leser nur ganz unzureichend unterrichtet wird. In der Titelei liest man bloß, die Neuausgabe folge »der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1980, ›die vom Autor überarbeitet und verbessert wurde.‹« Anführungszeichen deuten eine Distanzierung von dieser Bemerkung an, worin die aber bestehen könnte, lässt sich nicht ausmachen. Raddatz geht im Nachwort nicht auf die Veränderungen ein, er erwähnt nur sicherheitshalber, dass ihm die Büchergilde-Ausgabe von 1980 vorliege (S. 754). Claus-Ulrich Bielefeld vermerkt in einer Rezension in der Literarischen Welt vom 18.4.2015, S. 2: »Leider wird vom Verlag nicht mitgeteilt, warum man diese Fassung der ursprünglichen Fassung von 1947 vorgezogen hat.«

Diese Frage hat es in sich. 1980 wird die Antwort, was den Verlag angeht, schlicht darin bestanden haben, dass der Autor es so wollte, und vielleicht geht es aus rechtlichen Gründen (der Autor mag Entsprechendes letztwillig verfügt haben o. dgl.) auch 2015 noch nicht anders. Motive dafür, warum der Autor (auch der Verlag?) aber nicht einfach die Originalfassung wieder auflegen lassen wollte, kann man erkennen, wenn man den allgemeinen Charakter dieser Änderungen feststellt.

Das ist weder außerordentlich schwer noch ganz einfach. Nicht ganz einfach, weil es 1947 einen Vorabdruck in der Berliner Zeitung gab (sagt im Augenblick noch der Wikipedia-Artikel zu Heinz Rein, tatsächlich beginnt der Vorabdruck schon 1946, s. Anmerkung) und im gleichen Jahr die erste Buchausgabe bei Dietz in Berlin erschien – durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, dass es Unterschiede zwischen dem Vorabdruck und dem Buch gibt. Wenn man es aber nicht darauf abgesehen hat, eine vollständige Textgeschichte zu ermitteln,¹ dann kann man sich leicht in einer größeren Bibliothek ein Exemplar der Dietz-Ausgabe ausleihen und vergleichen, denn, wie der Wikipedia-Autor schreibt, »das Buch erreichte 1951 eine Auflage von 100.000 Exemplaren und zählte zu den ersten Bestsellern der deutschen Nachkriegszeit.« Es gab sogar schon Anfang der 50er Jahre (offensichtlich allerdings gekürzte) Übersetzungen ins Englische und Polnische.

Die Universitätsbibliothek Mannheim besitzt ein Exemplar der ersten Buchfassung, das auf dem Verso des Titelblatts präzise Informationen bietet: »Für Erich Weinert | Geschrieben Dezember 1945 | bis März 1947 | 51.–60.Tausend | Copyright 1948 by Dietz Verlag GmbH, Berlin · Printed in Germany · Alle Rechte | vorbehalten · Gestaltung und Typographie: Dietz-Entwurf · Veröffentlicht unter | Lizenz-Nummer 341 der Sowjetischen Militär-Administration in Deutschland […]«. Man sollte vielleicht registrieren, dass der Autor für seine Schilderung keine vollständige Unmittelbarkeit beansprucht: Zwischen den Ereignissen und dem Beginn der Niederschrift des Romans wäre demnach ein gutes halbes Jahr verstrichen.

Dieses Exemplar hab ich nun mit der oben angegebenen Ausgabe von 2015 verglichen, nicht Zeile für Zeile, aber doch so, dass ich die Mehrzahl der Seiten wenigstens quergelesen und mir die Umgebung von auffallenden Änderungen genauer angesehen habe; für inhaltlich relevante Varianten sollten meine Beobachtungen einigermaßen repräsentativ sein.

Rein hat den Text nicht durchgehend stilistisch überarbeitet. Als stilistische Änderung kann man aber die häufigen Kürzungen von Zitaten aus Zeitungen (Berliner Morgenpost, Das Reich, Angriff) werten, man vergleiche exemplarisch 1948 S. 42-45 mit 2015 S. 49f. Einige dieser Änderungen dienen offensichtlich und wohl ausschließlich der Straffung des Textes, die Nazi-Tiraden sind tatsächlich so hohl, dass durch die Streichungen nicht viel verloren geht.

Anders verhält es sich vielleicht mit folgender Kürzung einer dem Anschein nach in beiden Fassungen vollständigen Wiedergabe eines Beitrags von Robert Ley im Angriff, 21.4.1945 (1948 S. 433-435, 2015 S. 462f.). 2015 fehlen folgende Sätze: »Was wäre aus dem deutschen Volke geworden, wenn die Vorsehung uns diesen Mann nicht geschenkt hätte? So die Frage stellen, heißt, sie bereits beantwortet zu haben. Wäre Adolf Hitler nicht gekommen, wäre heute das deutsche Volk gar nicht mehr da. In Mitteleuropa würde ein bolschewistisches Chaos herrschen und ein völlig verarmter, arbeitsloser, hungernder Haufen von vertierten Menschen würde von jüdischen Kommissaren ausgebeutet und versklavt sein. Die Masse der deutschen Nation wäre längst auf die Hälfte dezimiert, und was übrigblieb, wäre so kraftlos und physisch und seelisch so verdorben, daß man nicht mehr von einem Volke reden könnte. Dann wären bereits Millionen deutscher Männer und Frauen auf kaltem Wege nach Sibirien abtransportiert. Dann wäre alles das bereits zur Tatsache geworden, was sie uns jetzt täglich prophezeien. Allerdings hätten wir dann keinen Krieg, weil wir zu schwach wären, um uns zu wehren. Wir hätten aber viel Schlimmeres: Wir hätten den sicheren Tod. […] Wir sind – dank der Standhaftigkeit des Führers – im Spiel geblieben, und wir werden weiter im Spiel bleiben. […]« (der Satz Wäre Adolf Hitler nicht … auch 2015, aber nicht hervorgehoben). – Die Interpretation dieser Streichung ist heikel, und ohne eine vollständige Übersicht über die Varianten möchte ich mich darauf nicht einlassen.

Später sind Anspielungen der NS-Autoren auf die Erwartung, dass sich die Westmächte früher oder später gegen die Sowjetunion wenden müssten, nicht mehr wiedergegeben (vgl. 1948 S. 560-562 mit 2015 S. 598f. und die Wiedergabe eines Leitartikels von Otto Kriegk in der Nachtausgabe, 1948 S. 570f., 2015 S. 608f.). – Einen zwingenden Grund für solche Streichungen sieht man nicht, immerhin tangieren sie die politische Aussage des Romans bereits.

Nun wird eine der Hauptfiguren, der Widerstandskämpfer Wiegand, an der Stelle, an der seine politische Geschichte eingeführt wird, quasi entstalinisiert:

»Das habe ich ja nun kapiert«, sagt Lassehn und stimmt in das Lächeln der Männer ein, »Sie leben in legaler Illegalität. Weshalb aber leben Sie illegal?« |[61] »Auch das sollen Sie erfahren, Herr Lassehn«, sagt Wiegand mit einigem Widerstreben. »Ich bin früher Gewerkschaftssekretär gewesen, bin später zur RGO gegangen …« »Entschuldigen Sie die Unterbrechung«, fährt Lassehn dazwischen und sieht Wiegand fragend an. »Was ist das, RGO?« »Ach so«, meint Wiegand nachsichtig, »ich vergaß, daß Sie ja ein politischer Säugling sind, bei dem man eigentlich ab ovo beginnen müßte, aber das würde heute wohl zu weit führen. Die RGO, daß heißt Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition, war der radikale linke Flügel der sozialdemokratischen Gewerkschaften, von denen Sie wahrscheinlich auch nichts wissen oder nur das, was Robert der Ley über seine torkelnde Zunge gebracht hat, aber darüber sprechen wir ein andermal. Ich ging also zur RGO und war an einigen Streiks, wie ich wohl sagen darf, hervorragend beteiligt. Als unser liebwerter Parteigenosse, Ministerpräsident und Forstmeister Hermann Göring am achtundzwanzigsten Februar neunzehnhundertdreiunddreißig den Reichstag ansteckte, da bin ich zum ersten Male festgesetzt worden. […]«
(
1948 S. 60f.)

»Das habe ich ja nun kapiert«, sagt Lassehn und stimmt in das Lächeln der Männer ein, »Sie leben in legaler Illegalität. Weshalb aber leben Sie illegal?« »Auch das sollen Sie erfahren, Herr Lassehn«, sagt Wiegand mit einigem Widerstreben. »Ich bin früher Gewerkschafts-|[66]sekretär gewesen und war an einigen Streiks, wie ich wohl sagen darf, hervorragend beteiligt. Als unser liebwerter Parteigenosse, Ministerpräsident und Forstmeister Hermann Göring am achtundzwanzigsten Februar neunzehnhundertdreiunddreißig den Reichstag ansteckte, da bin ich zum ersten Male festgesetzt worden. […]«
(
2015 S. 65f.)

Überraschenderweise wird die RGO-Vergangenheit (man lese sich bei Bedarf über die »Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition« schlau) Wiegands später in der Neuausgabe doch erwähnt (1948 S. 200, 2015 S. 211).

Die wichtigsten Unterschiede betreffen aber nicht die Vergangenheit und den Charakter der Figuren – der stramme Kommunist Schröter etwa, der immer noch Vorbehalte gegen Sozialdemokraten und Bürgerliche hat, wird auch in der Originalausgabe als schroff und ein bisschen engstirnig geschildert. Ganz anders jedoch fallen in beiden Versionen die Bilder von den ›Befreiern‹ aus. Ein erstes Mal heißt es 2015 auf S. 588 von flüchtenden Berlinern: »Sie ahnen nicht, daß ihre Habseligkeiten und ihre Frauen Beute der Sieger werden.« Der Satz fehlt 1948.

Im nächsten Absatz (1948 S. 550f.) fehlt 2015 folgender Text: »[…] die Söhne des siegreichen Volkes. Die Menschen, die der Wahnsinn irrsinniger Politiker und verantwortungsloser Militärs aus ihren Wohnungen auf die Landstraße gestoßen hat, blicken zuerst scheu auf die, die sie bisher ihre Feinde genannt haben, sie drücken sich dicht an die andere Straßenseite, als müßten sie eine Berührung mit den Soldaten in den grau-grünen Uniformen meiden, aber sie werden bald gewahr, daß die Sieger keine Soldaten mit grausamer Herrschergebärde sind, sie lachen, singen, spielen Mundharmonika, winken und rufen unverständliche Worte in ihrer gutturalen Sprache, sie haben offene und verschlossene, freundliche und mürrische Gesichter, viele sind überraschend blond und helläugig, andere sind fremdartig dunkel und haben schräg |[551] sitzende Augen, aber alle haben die breiten, derben, vertrauenerweckenden Hände von Arbeitern und Bauern, und alle tragen sie den roten Stern mit Sichel und Hammer an ihren Mützen. Aus dem Rufen und Winken wird ein Zutrauen, und bald wandert manch ein Brot von der einen auf die andere Seite, wird ein Kind auf den Arm genommen und gleiten schwielige Hände über Knaben- und Mädchenscheitel. Die Ausgestoßenen atmen auf, zwar haben sie kaum mehr als das Leben gerettet, aber es ist warm und hell, un die feindlichen Soldaten sind Menschen wie du und ich, eine Ahnung von Frieden zieht in die verstörten Gemüter und die verängstigten Herzen.
Da tönt von irgendwo, […]« (dieser Absatz wieder in beiden Ausgaben gleich, s. 2015 S. 588).

Noch prägnanter fällt der Unterschied bei der Schilderung der ersten Begegnung der Protagonisten mit sowjetischen Soldaten aus:

Wiegand holt tief Atem und geht auf den russischen Soldaten zu. »Towarisch«, sagt er mit bewegter Stimme und streckt ihm die Hand hin.
Der russische Soldat blickt ihn ruhig an, dann verzieht er die Lippen zu einem breiten Lächeln, das die Zähne bloßlegt.
»Towarisch«, antwortet er und ergreift Wiegands Hand.
(
1948 S. 694)

Wiegand holt tief Atem, dann klettert er gewandt durch das Mauerloch und geht auf den russischen Soldaten zu.
»Towarisch«, sagt er mit bewegter Stimme und hebt die Hände hoch. Der russische Soldat blickt ihn ruhig an, dann verzieht er die Lippen zu einem verächtlichen Lächeln und antwortet: »Nix Towarisch. Gib Uri. Dawai!«
(
2015 S. 743)

Nach solchen Erfahrungen wundert man sich dann kaum noch darüber, dass Wiegand sozusagen im Jahre 2015 1945 schon klüger war als im Jahr 1948, im Gegensatz zum linientreuen Kommunisten:

1948 S. 701, Überschrift »… und neuer Anfang«
2015 S. 749 »Der neue Anfang?«

Langsam steigen Dr. Böttcher und Wiegand die Stufen einer breiten Treppe empor, […] (1948 S.701)

Langsam steigen Dr. Böttcher, Wiegand und Schröter die Stufen einer breiten Treppe empor, […] (2015 S. 749)

»[…] und ich verspreche Ihnen, dabei zu helfen, soweit es in meiner Macht steht. Die Rote Armee ist nicht als Feind des deutschen Volkes nach Berlin gekommen.« Der Major macht eine Pause und blickt auf den Feldwebel, dessen Feder eilig über das Papier gleitet.
(
1948 S.702)

»[…] und ich verspreche Ihnen, dabei zu helfen, soweit es in meiner Macht steht. « »Davon bin ich fest überzeugt, Genosse Major!« ruft Schröter. Dr. Böttcher und Wiegand schweigen. Der Major blickt auf den Feldwebel, dessen Feder eilig über das Papier gleitet.
(
2015 S. 750)

Den Höhepunkt erreicht die Neubewertung der Situation vom Mai 1945 am Ende des Romans:

[…], taumeln Soldaten mit stumpfen Mienen und glanzlosen Augen zu den Sammelstellen.
Dr. Böttcher schaudert zusammen, als er sich Wiegand zuwendet.
»Es ist fast zu schwer,« sagt er.
»Wir werden es schaffen«, entgegnet Wiegand.
»Wir müssen es schaffen«, setzt Lassehn hinzu.
Dann gehen sie die Treppen hinunter. Auf der Straße weht ihnen ein feiner, dünner Regen entgegen. Sie schlagen die Mantelkragen hoch und gehen in die zerstörte Straße hinein. An der Ecke hält gerade ein Lautsprecherwagen. Er verkündet die Kapitulation.
– Ende –
(
1948 S. 703)

[…], taumeln Soldaten mit stumpfen Mienen und glanzlosen Augen zu den Sammelstellen, gellen die Schreie der vergewaltigten Frauen aus den Häusern.
Dr. Böttcher schaudert zusammen, als er sich Wiegand zuwendet. »Es ist fast zu schwer,« sagt er. »Diese Schreie werden uns noch lange verfolgen …«
»Ach was!« fällt ihm Schröter ins Wort. »Du siehst zu schwarz.«
»Wäre zu schön, wenn es so wäre«, sagt Wiegand. Seine Miene drückt Skepsis aus.
Dann gehen sie die Treppen hinunter. Auf der Straße weht ihnen ein feiner, dünner Regen entgegen. Sie schlagen die Mantelkragen hoch und gehen in die zerstörte Straße hinein. An der Ecke hält gerade ein Lautsprecherwagen. Er verkündet die Kapitulation.
(
2015 S. 750)

Die Tendenz dieser Änderungen ist also völlig klar: Rein wollte 1980 (damals ist der Text der Bearbeitung zum ersten Mal gedruckt worden) die sowjetische Eroberung und Besatzung nicht mehr als Befreiung darstellen, er wollte nicht mehr zur Zusammenarbeit mit den Sowjets aufgerufen haben und er hat mit ziemlich kleinen Retuschen sogar ausgedrückt, dass er von der Idee der Zusammenarbeit aller ›fortschrittlichen‹ Kräfte einschließlich der Kommunisten abgerückt ist.

Nur hat er damit, dass er diese ›Verbesserungen‹ nicht kenntlich gemacht und darüber keine Rechenschaft abgelegt hat, seinen Text, der immer noch einen offensichtlichen Anspruch auf historische Authentizität erhebt, schlicht gefälscht. So gut das Bild, das er nun von den Besatzern und Teilen der KPD malt, mit dem übereinstimmt, was man 1980 und heute so glaubt und zu wissen meint, so wenig scheint die Schilderung dieser neuen Züge von den eigenen Erlebnissen und früh gewonnenen Einsichten des Zeitzeugen Rein gedeckt zu sein, denn sie steht zu dem, was er damals gesagt hat, im Widerspruch.

Klar, die Anspielungen auf Massenvergewaltigungen und Plünderungen werden kaum 1947/48 in der Berliner Zeitung gestanden haben²; hätte sich dergleichen im Manuskript befunden, wäre es in der Zeitung ebenso wenig gedruckt worden wie im Buch, das mit Lizenz der Sowjetischen Militäradministration erschienen ist. Kann man sich vorstellen, dass Rein 1945 bis 47 ein Manuskript geschrieben hat, das inhaltlich der Fassung von 1980 besser entsprochen hat? Schwerlich, denn dann hätte er es 1980 gesagt und nicht von ›Überarbeitung und Verbesserung‹ gesprochen (oder sprechen lassen). Ein Buch, das Geschichte nach unmittelbarer eigener Anschauung schildern und nacherlebbar machen will, wird aber davon nicht besser, dass man die Ereignisse 35 Jahre später stillschweigend uminterpretiert und sich im Faktischen plötzlich besser erinnert.

Sieht man von der 1947 in die Zukunft weisenden politischen Botschaft ab (die damals freilich alles andere als nebensächlich war), dürfte der Wert des Buches, der schon ganz wesentlich in der Vermittlung von Wissen und einem Werturteil besteht, gar nicht geschmälert sein: Auch wenn Rein seine Figuren oft und viel reden lässt, um Fakten über Kriegsereignisse, typisches Geschehen in Nazideutschland usw. anzubringen, auch wenn er das dokumentarische Material spürbar um seiner selbst willen einstreut, bleibt sein Roman doch in dem Aspekt ›authentisch‹, dass er zeigt, wie Geschichtsbuchfakten bei Individuen ›ankommen‹ und von ihnen verarbeitet werden.

Was Rein im Einzelnen über die Ereignisse sagt, fügt sich nun auch gut ins Bild, das viele andere Dokumente und Zeugnisse zeichnen; gerade ›Endphaseverbrechen‹ wie beispielsweise die Hatz auf tatsächliche und vermeintliche Deserteure (eigentlich ›Volksgenossen‹) sind in den letzten Jahrzehnten minutiös rekonstruiert worden. Rein kommt 1980 nicht auf den Gedanken, die Nazis zu entlasten, sein eigener Text und die Quellen würden das unmöglich hergeben. Sein Buch steht in der Fassung seit 1980 in dieser Hinsicht aber nicht anders da als irgendein historischer Roman: Der Leser ist aufgefordert zu prüfen, was der Dichter ihm sagen will, ebenso wie er das mit dem Werk eines einzelnen Historikers machen müsste. Nur würde der es ihm mit den Belegen und dem Anmerkungsapparat in mancher Hinsicht leichter machen.

So fragt sich noch, ob diese Aufgabe nicht vom Verlag hätte übernommen werden sollen. Eine in textkritischer und historischer Hinsicht sozusagen auskommentierte Edition hätte ihre Reize, würde aber, zumal da man den Vorabdruck berücksichtigen und nach dem Manuskript suchen müsste, den Rahmen einer Romanausgabe für Romanleser sprengen (und sich der Form und des Preises halber wohl schlechter verkaufen … in diesem Jahr ist auch noch ein Ullstein-Taschenbuch erschienen …). Was Schöffling oder die Büchergilde aber sehr wohl hätten tun können, würde ungefähr dem entsprechen, was der Aufbau-Verlag bei der Neuauflage von Falladas Kleiner Mann – was nun? auf sich genommen hat: Man hätte 2015 die Ausgaben vergleichen sollen! Und danach hätte höchstwahrscheinlich alles dafür gesprochen, die originale Buchausgabe wieder aufzulegen und die Bearbeitungen von 1980 in Anmerkungen zu verbannen. Falls das (sagen wir aufgrund einer testamentarischen Verfügung) nicht möglich gewesen wäre, hätte man der neuen Auflage von 2015 ein Nachwort beifügen müssen, das über den Charakter der Änderungen usw. informiert (zur Not halt nicht ganz so umfassend und gut, wie das Claus Gansel beim Kleinen Mann gemacht hat). Vielleicht bekommen wir irgendwann doch eine halbwegs ›kritische‹ Ausgabe, die germanistische Literaturwissenschaft ist dazu ja durchaus imstande und auch zuständig, wenn Schneider Recht behält mit seinem Urteil: »Finale Berlin hat jetzt seinen festen Platz in der Geschichte der deutschen Literatur.« (FAZ-Rezension, 7.5.2015)

Ich bin froh darüber, das Buch gelesen zu haben, und auch darüber, dass ich über die unscheinbare Angabe zu den Änderungen gestolpert und ihnen ein Stück weit nachgegangen bin. Beides war lehrreich.

¹ Die Berliner Zeitung ist bis einschließlich Jg. 1993 digitalisiert und diese Jahrgänge sind über die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz online zugänglich (http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/ddr-presse/). Man kann so schnell feststellen, dass der Vorabdruck am 1. Januar 1947 schon die 70. Fortsetzung errreicht hatte. Bereits am 5. Oktober 1946 wird der Vorabdruck in einer Besprechung von Walter Lennig (Jg. 2, Nr. 233, S. 3) angekündigt, und zwar als am nächsten Tag beginnend. Die Besprechung enthält neben einer Charakterisierung des Buches und seiner Absichten auch biographische Angaben zu Rein, die den Wikipedia-Artikel ergänzen. – Damit ich meine Anmerkungen zum Roman nun endlich ‚veröffentlichen‘ kann, habe ich darauf verzichtet, auch nur in Stichproben (abgesehen von der letzten Fortsetzung, s. Anmerkung 2) zu untersuchen, ob oder wie Vorabdruck und Buchausgabe voneinander abweichen (das würde Zeit brauchen, schon allein weil der Server der SBB-PK die Bilder der Zeitungsseiten nicht gerade schnell ausliefert …).

² Der Schluss des Romans weicht in der letzten Folge des Vorabdrucks (Berliner Zeitung, Jg. 3, Nr. 40, 16.2.1947, S. 3) sowohl von der ersten Buchausgabe als auch von der überarbeiteten Fassung von 1980 ab: Zwischen der Szene, in der Wiegand dem ersten russischen Soldaten begegnet (2015 S. 743) und dem letzten Kapitel, das beim sowjetischen Militärkommandanten spielt (»Der neue Anfang?«), fehlt das Kapitel »Das Ende«, in dem Rein – abseits des Handlungsstrangs, der die Erlebnisse der Protagonisten darstellt – die Kapitulation Berlins durch General Weidling schildert. In der Zeitungsfassung treten im Schlusskapitel nur Wiegand und Dr. Böttcher dem sowjetischen Major gegenüber, weder von Lassehn noch von Schröter begleitet. Von kleineren Korrekturen stilistischer Art oder von schlichten Druckfehlern abgesehen, fällt Folgendes auf: »An einem großen Tisch sitzt ein russischer Major, mit dem Rücken zum Fenster. Sein blondes Haar ist an den Schläfen angegraut, […]« (Berliner Zeitung)
»An einem großen Tisch sitzt ein russischer Major mit dem Rücken zum Fenster, sein dunkles Haar ist an den Schläfen angegraut, […]« (2015 S. 749) – Das Bild scheint etwas nachgedunkelt … Natürlich fehlt auch der Zwischenruf von Schröter, und der Satz »Die Rote Armee ist nicht als Feind des deutschen Volkes nach Berlin gekommen«, ist noch nicht getilgt (s. oben zu 1948 S. 702).
Der Absatz über den Blick aus dem Fenster (2015 S. 750f.) ist später deutlich länger als im Vorabdruck. Ursprünglich las man nicht: »Da liegt die große Stadt vor ihnen, niedergemäht von der Sense des Todes, ausgelöscht von der Brandfackel des Krieges, zerstampft von den Tritten der Heere, ein Orkan der Vernichtung hat niedergeschlagen, was sich ihm entgegenstellte, aber es ist noch ein Hauch von Atem in ihr, noch ist das Blut in ihren Adern nicht ganz erstarrt, noch ist der Wille ihrer Menschen nicht völlig gebrochen.« Schade, diese Ballung von konventionellen Metaphern zu Allerweltspathos hätte man in der ersten, vermutlich roheren Fassung viel leichter den noch aufgewühlten Gefühlen des Autors zugute gehalten (mag sein, dass der Redakteur der Zeitung sie gestrichen hat). – Von den ›Schreien der vergewaltigten Frauen‹ ist, wie zu erwarten, in der Berliner Zeitung im Februar 1947 noch nicht die Rede.

5. März 2017
Aus der Rubrik Gelesen und weggestellt:

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit, Frankfurt a. M.: Büchergilde, 2016 (OA Zürich 2016). – Statt einer Kurzkritik sozusagen ein O-Ton, aus der »Danksagung« des Autors auf S.355: »Bei diesem Buch möchte ich zuallerst meinen Eltern danken. Meinem Vater für seinen Humor und all die liebevollen, inspirierenden Gespräche. Meiner Mutter für ihre Zähigkeit in schwierigen Phasen und ihren Glauben an mich. Sehr unterstützt hat mich auch U… B…. Welch ein Glück, sie als Lektorin zu haben. … P… K… gab mir für dieses Buch so viel Zeit, wie ich wollte. Sein Vertrauen und sein unermüdlicher Einsatz bedeuten mir sehr viel. Ein lautes ›¡Muchas Gracias!‹ auch an alle anderen bei Diogenes, … In Erinnerung an D… K…, der mich damals in seinen Verlag holte und so zu einem wichtigen Weichensteller in meinem Leben wurde. So viel Schönes, was ich seitdem erleben durfte. Das kann und werde ich ihm nie vergessen.« – Wer nicht versteht, warum ich das abgeschrieben habe, dem könnte der Roman vielleicht gefallen.
Patrick Modiano: Gräser der Nacht, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Frankfurt a.M.: Büchergilde, o. J. (EA der Übersetzung: München 2014, OA: L'herbe des nuits, Paris 2012). – Es wäre mir zu umständlich, den geschmäcklerisch-überheblichen Umgang des Autors mit der französischen Zeitgeschichte und seinen arg von Paul Auster inspirierten Umgang mit dem Stadtplan von Paris zu charakterisieren. Melancholische oder bloß triste Rätselhaftigkeit vor dem Hintergrund angeblich brüchiger, nichtssagender Tatsachen (Straßennamen zum Beispiel), vielleicht ist ein Mord passiert, vielleicht ist diese Frau, die man vielleicht liebt, die Schuldige oder mitschuldig, irgendwie verstrickt jedenfalls, wer weiß … was zählt, sind die Beziehungen zwischen Menschen … die ihre Identität aber nicht festhalten können (was nützen schon Pässe und Geburtsurkunden?), sie schließlich als Illusion erkennen müssen.
»Fast hätte ich gefragt, warum sie ihm Rechenschaft schuldete, aber nach kurzer Überlegung erschien mir das zwecklos. Ich glaube, damals hatte ich schon begriffen, dass nie irgendwer auf Fragen antwortet.« (S.69f.)
So ist das also. Schulterzucken (Ecke Rue de Rennes - Boulevard Raspail, von der Gare Montparnasse kommend, vermutlich) …
Postmoderne, man kennt das, überdeutliche, ziemlich matte Postmoderne mittlerweile. Modiano wird in anderen Werken besser sein (obwohl schon Leute für sehr schlechte Werke Literatur-Nobelpreise bekommen haben, Pearl S. Buck zum Beispiel), auch dieser Roman mag in der Originalsprache seine Reize haben (womit ich ganz und gar nicht andeuten will, die Übersetzung sei schlecht), ich werde mir nicht die Mühe machen, es herauszufinden. – Kann aber gut sein, dass hier noch öfter vom Verhältnis der erzählenden Literatur zur Geschichte (resp. Wirklichkeit) die Rede sein wird und ich dann auf diesen Typus
zurückkommen muss. In Modianos Roman, mit seinen massiven Bezugnahmen (Anspielungen kann man das nicht mehr nennen) auf die Affäre Ben Barka – Elisabeth Edl teilt dem deutschen Leser in einer knappen Nachbemerkung sinnvollerweise mit (besten Dank!), dass ein Franzose bei den dargestellten Vorgängen unweigerlich an diese berühmte Geschichte denken muss, die den Hauch des Mysteriösen mitbringt –, ist dieser Typus vielleicht sogar markant ausgeprägt. (puh, das wird anstrengend)

10. Februar 2017
Janwillem van de Wetering: Massaker in Maine, deutsch von Hubert Deymann, Reinbek 1993, OA 1979 (aus dem Büchertauschschrank auf dem Neumarkt in der Mannheimer Neckarstadt West, gelobt sei die Einrichtung!)
Ist van de Wetering (1931-2008) völlig vergessen? Der Krimibuchmarkt ist schnelllebig (denke ich mir), Zen-Buddhismus gerade nicht besonders en vogue – und so schlimm wäre es auch nicht, van de Wetering hat den Kriminalroman nicht auf neue Höhen gehoben (seine van-Gulik-Biographie ist auch nicht besonders). Manche Züge sind trotzdem noch modern, da ist das Interesse für das Privatleben(, die Gourmandise) und die geistige Entwicklung der Detektive, die sich nicht immer leidenschaftlich für ihre Fälle interessieren, außerdem die Nutzung des Reihencharakters für eben diese Entwicklung  … Letzteres hat er von seinem größeren Landsmann doch gelernt.
    Noch in den 80ern war van de Wetering in linksliberalen Deutschlehrerkreisen (das ist kein Pleonasmus, ich habe ein bayerisches Gymnasium besucht) und so ziemlich IN, ist mir damals aber eigentlich immer auf den Wecker gegangen mit seiner Zen-Amoralität (ausgerechnet im Krimi), dem zugehörigen leichten Erleuchtungsdünkel und den unvermeidlichen antideutschen Seitenhieben (die man den Holländern natürlich nicht 'mal übelnehmen konnte). Massaker in Maine fand ich jetzt richtig gut lesbar, obwohl gar kein Massaker stattfindet, sondern eine Reihe von teilweise länger zurückliegenden Todesfällen aufzuklären ist, eigentlich von einem wasch(bär)echten amerikanischen Sheriff (ich erkenne sogar eine gewisse Verwandtschaft mit Sheriff Bell aus No Country for Old Men), in dessen County aber zwei Beamte der Amsterdamer Kriminalpolizei hereingeschneit kommen (zusammen mit reichlich richtigem Schnee). Die Situation gibt dem Autor Gelegenheit, interessantes Personal einzuführen, ein paar europäisch-amerikanische Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu studieren – und in Gestalt einer undurchsichtigen Bande von jungen Leuten mit buddhistischem Existentialismus (oder umgekehrt) zu experimentieren.
    Diesmal kommt statt eines unsympathischen Deutschen ein Schwächling von amerkanischem Nazi vor. Der Anführer der Bande spielt ein wenig mit ihm, weil er etwas über richtige Übermenschen lernen will; klar, der braune Spinner ist eine Enttäuschung, für die Suche nach dem Übermenschentum hat aber auch der Amsterdamer Commissaris Verständnis. Er fragt den Bandenchef nach Reue (weil er ein Bandenmitglied in ein Experiment mit tödlichem Ausgang geführt hat). »Überhaupt keine Gefühle?« »Wenn ich welche habe, dann sind es gute Gefühle.« (S.172f.) – Leute, die sich mit so einer Haltung irgendwelchen armen Socken, die sich mit ganz unguten Gefühlen und glücklos abstrampeln, überlegen fühlen, bringen mich schnell zur Weißglut. Das ist nicht gut im Überlebenskampf da draußen im endzeitlichen alten Europa; speziell wenn man auf die Sorte trifft, muss man ganz entspannt sein – Brigadier Rinus de Gier gibt bei einem anderen kleinen Spielchen dieser talentierten jungen Leute selbst ein gelungenes Beispiel … Ok, so ein Buch ist schon brauchbar beim unblutigen Experimentieren (in meinem alten Jugendzentrum pflegten ein paar Leute ›Hirnwichsen‹ zu sagen), mit dem wir ja nicht aufhören wollen, bloß weil wir aus dem Alter, in dem uns das lässig gut steht, längst raus sind.
    PS: Van de Wetering gelingt eine ganz hübsche Verpflanzung des taoistischen Einsiedlers Meister Kranichtracht aus van Guliks Mord im Labyrinth auf eine kleine Insel an der amerikanischen Nordostküste. – Aber Richter Di, 10000 Jahre möge er leben, erliegt nicht der Faszination der inneren Leere!

24. Oktober 2016
Die Privatsphäre der Literaten – Über ein Interview mit Fritz J. Raddatz (2014), Literatur-Journalismus und vielleicht auch über guten Geschmack
Jeder, der Umgang mit einem Schriftsteller hat, riskiert, dass er Stoff zu dessen Werk wird. Thomas Mann war berüchtigt dafür und hat Kollegen und Kritiker keineswegs verschont – der Habitus und Eigenheiten von Gerhard Hauptmann und Georg Lukács zieren Figuren des Zauberbergs. Erreicht der Literat eine gewisse Berühmtheit, trifft es früher oder später auch Personen, die bloß in seine Tagebücher Eingang gefunden haben. Ebensowenig sicher sind die Briefpartner oder die in Briefen erwähnten; unter dem Vorwand der philologischen Redlichkeit wird auch von Nachlassherausgebern ungekürzt alles der Öffentlichkeit preisgegeben, spätestens wenn die Betroffenen tot sind und sich nicht mehr sträuben können.
   Es gibt ein Interesse am Privatleben von berühmten Menschen, auch an dem von berühmten Dichtern, das ungefähr in dem Maß, in dem Künstler überhaupt einen Namen haben, von der Literatur auch befriedigt wird (das eine ist vom anderen ja nicht unabhängig): Über das Leben der Urheber des Nibelungenlieds wissen wir nichts, weil wir die gar nicht kennen; aber Walter hat selbst seine Freude und Erleichterung über seine endlich erreichte Versorgung zum Gedicht gemacht (»Ich hân mîn lêhen«) und darin auch gleich gesagt, was das mit seinem Dichten zu tun hat: Arm war er »sô voller scheltens daz mîn âten stanc«, nun glaubt er endlich wieder rein und ohne Bitterkeit singen zu können. Das kleine Dank- und Erleichterungsgedicht ist nicht sein schlechtestes.
   Peter Rühmkorf hat ganz gewiss das lyrische Ich auch nicht säuberlich vom Personalpronomen, das auf den Sprecher verweist, getrennt. »I c h? – halt mich straight an die zentral von mir Ergriffnen | und hab schon manchem Strickstrumpf beigelegen | nur seines übersinnlichen Gehaltes wegen. || Wahrlich, so war ich – – – (nix Enthüllung!) –«.
   Etwas anderes ist es aber schon, wenn ein Journalist Gespräche mit der Frau des mit ihm befreundeten Dichters verwertet, veröffentlicht, in Interviews darüber spricht. In seinen Tagebüchern hat Raddatz (offenbar, ich habe die veröffentlichte Version ebenso wenig gelesen wie die ursprüngliche) Persönlichstes, intimste Details nicht nur von sich notiert. Dazu kann ein Tagebuch da sein. Wenn man so ein Tagebuch zu eigenen Lebzeiten drucken lässt, muss man über eine gehörige Portion Narzissmus und Eitelkeit verfügen. Von einer Figur des Literaturbetriebs, die sich einige Jahrzehnte lang immer wieder bemerkbar gemacht hat, wird man vermuten können, dass sie mit diesen Gaben einigermaßen reichlich gesegnet ist. Erweist der Literat, der wenigstens auch Literaturkritiker ist, der Literatur damit (ich spreche über ein imaginiertes Raddatz-Tagebuch, dass ich mir nach dem Interview zusammenreime, auf das ich noch zu sprechen komme) einen Dienst?
   Das ist keine rhetorische Frage, denn wer gedruckte Tagebücher dieses Kritikers liest, wird irgendein Interesse an der deutschen Literatur der letzten 60 Jahre haben. Und er wird bei der Lektüre auf Namen stoßen, die er vielleicht noch nicht kennt, oder er wird an Autoren erinnert werden oder sie irgendwie in neuem Licht sehen. Wenn man für Literatur Werbung machen könnte wie für andere Artikel auch (und wenn man für irgendwelche Artikel Reklame machen sollte), dann könnte ein erfolgreiches Buch – selbst voller Tratsch – so funktionieren und alles wäre ziemlich gut.
   Aber so ist es nicht. Außer wenn man dafür bezahlt wird und anders seinen Lebensunterhalt nicht zu fristen vermag, sollte man natürlich keinesfalls für schlechte Literatur Reklame machen. Davon gibt es viel zu viel und wenn sie nicht als solche erkannt wird, hält sie von der Lektüre guter Literatur ab. Und weil es schon viel Reklame für schlechte Literatur gibt, wäre es besonders erfreulich, wenn Leute, die etwas davon verstehen und nicht gezwungen sind, Werbung zu machen, in ihren Veröffentlichungen über gute und schlechte Literatur und die Unterschiede reden würden. Ein Mann, der allerhand gelesen und erlebt hat, der es nicht mehr nötig hat, Beziehungsrücksichten zu nehmen (und das auch nicht tut), dem man also sozusagen in positiver wie negativer Hinsicht ein reifes Urteil zutrauen würde, sollte das tun.
   Nun hat ein sehr eitler, in seiner Selbstliebe mannigfach und von vielen gekränkter alter Mann auch andere Bedürfnisse; einige davon befriedigt er offenbar durch die Publikation eines Textes, in dem er auf Tote gar keine und auf Lebende nur die vom Gesetz gebotene Rücksicht nimmt. Das sind keine Motive, die vorab sehr für das Buch einnehmen, aber trotzdem kann es selbst gute Literatur sein, das ist immerhin möglich. Darüber kann ich nicht urteilen, ich hab's nicht gelesen.
   Ich nehme mir stattdessen ein immer noch und leicht zugängliches Interview mit Raddatz anlässlich des Erscheinens seiner Tagebücher 2002-2012 vor, das 2014 von Sven Michaelsen (mir anderweitig nicht bekannt) fürs »SZ-Magazin« geführt wurde (im Wikipedia-Artikel zu Raddatz gibt es in der ersten Fußnote einen Link darauf). Die beiden sprechen anfangs über Sex und Familie, R. nimmt wahrlich kein Blatt vor den Mund; man kann davon halten was man will (ich kann dieser Art von Offenheit etwas abgewinnen, über meine Gründe vielleicht ein andermal), die Literatur als Kunst ist davon sozusagen nicht betroffen. Michaelsen bringt dann den ersten Namen ins Spiel, den einer ehemals mit R. befreundeten Prominenten, einer noch lebenden Kunstmäzenin. Der bekannte Name gibt der kleinen Geschichte eine zusätzliche (Maggi™-)Würze, das ist alles.
   Dann geht es um persönliche Beziehungen zwischen dem Kritiker und dem von ihm besprochenen Schriftsteller, erst einmal um Günter Grass. Der war mit R. lange befreundet und dann haben sie angefangen, über einander sehr uncharmante Dinge zu sagen. R. rechtfertigt im Interview einen Vergleich, in dem es um die dichterische und männliche Potenz geht, so: »Da Grass in einem übrigens scheußlichen Gedicht selber geschrieben hat: ›Er steht mir noch, aber nicht so oft‹, darf ich so etwas schreiben. Es ist nun mal so, dass Indiskretion zum Wesen eines Tagebuchs gehören. Ich bin ja auch mir selber gegenüber indiskret.« Das ist sehr schwach, denn ein Tagebuch ist etwas anderes als ein gedrucktes Tagebuch und sich selbst gegenüber kann man nicht indiskret sein. Weil der Interviewer das Thema der Indiskretion vertieft, bleibt es nicht bei diesen Ausflüchten. R. notiert und publiziert ein Gespräch mit Rühmkorfs Frau Eva über (sagen wir) die Gestalt eines anatomischen Details an privater Stelle nach einer schweren Operation an Rühmkorf. R. sagt dazu: »Ich habe lange überlegt, soll ich das weglassen? Ich hätte es weggelassen, wenn Eva noch lebte. Jetzt ist es Literaturgeschichte – als würden die Brüder Goncourt etwas über den Schwanz von Balzac schreiben.« Käme der Schwanz Balzacs wunderlicherweise in den Tagebüchern der Goncourts vor, wäre das vielleicht schon Literaturgeschichte, aber das läge an diesen Tagebüchern und nicht daran, dass es Balzacs Organ (und dieser tot) war. Nur wenn R. von der Prämisse ausgeht, seine Tagebücher hätten vergleichbaren literarischen Rang, taugt sein Argument irgendetwas. R. hängt die Latte ziemlich hoch.
   Und im Interview geht es damit immer noch nicht um Literatur: Die literarische Qualität des R.schen Tagebuchs wird nicht zum Thema (darüber wäre mit ihm wohl schwer zu reden gewesen und es gibt ja genug stoffliche Reize …). Michaelsen meint den Lesern und R. mitteilen zu müssen: »Künstler von Rang, das gehört zu ihrer Natur, sind monströse Totalegozentriker.« Ja? Ist selbst ein bekannter Egozentriker wie Thomas Mann gleich ein solcher? Joyce? Goethe? Byron? Gide? Camus? … Soll die Phrase nicht bloß die Indiskretion decken? ›Die Künstler sind alle so, zur Freundschaft und Loyalität unfähig; in dieser Sphäre ist Diskretion absurd, sie selbst haben gar kein Organ dafür.‹ Und selbst wenn's so wäre, was ist mit den Retourkutschen gewonnen?
   R. erwähnt noch eine von Hubert Fichte (ausweislich einer indiskreten Publikation) nicht ganz erwiderte Freundschaft, obwohl man zusammen sehr Privates (R. belässt es nicht bei einer Andeutung) unternommen hatte. – Fichtes Namen habe ich schon lange nicht mehr gelesen; allzu viele Jüngere werden ihn nicht kennen. Wird diese Erwähnung jemanden veranlassen, mehr über ihn zu lesen und sich dann vielleicht eines der (immerhin lieferbaren) Werke zuzulegen (die nach meiner Erinnerung gut sind)? Ich kann's nicht glauben. Ein Schriftsteller wird nicht einmal interessant, bloß weil man erfährt, dass er mit einem bekannten Kritiker gemeinsam ein spezielles Haus besucht haben soll.
   Im zweiten Teil des Interviews gibt es scharfsinnige und in gutem Sinn schonungslose Bemerkungen von R. über das Alter. Die oder ähnliche lese man beizeiten (zumal wenn man sich selbst nicht frei von Narzissmus wähnt) und bereite sich vor! Aber für die Literatur ist nichts getan worden, nicht für Lyrik und Roman und nicht einmal für autobiographisches Schreiben. Es wurde bloß Reklame für eine Neuerscheinung aus dem Hause Raddatz getrieben. Von den Kollegen vom SZ-Magazin.
   Und über das Verhältnis des autobiographischen, intimen Stoffs zur Literatur, die Kunst ist, haben wir nichts erfahren. Wir wissen immer noch nicht genau, warum die Brüder Goncourt Balzacs Schwanz nicht erwähnt haben.

16. Oktober 2016
Eine kleine Zwischenbemerkung über einen Büchermenschen: Fritz J. Raddatz (1931-2015) war in den 80ern noch der Literaturgegenpapst und jedenfalls ziemlich omnipräsent im Literaturbetrieb. Obwohl ihn ein Deutschlehrer, den ich schätzte, hochhielt, war er mir eher suspekt, jedenfalls unsympathisch (wahrscheinlich ziemlich grundlos, so reagierte man damals als aufmüpfiger Schüler halt auf das, was die Lehrer gut fanden …).  Zu dem Buch von Heinz Rein, zu dem ich noch etwas sagen werde, hat er (relativ kurz vor seinem Freitod) ein Nachwort geschrieben, das ich mit Gewinn gelesen habe. Über die ziemlich dürftige Wikipedia-Seite (die mal wieder nur den Raddatz der Internet-Epoche kennt) bin ich auf ein spätes Interview (vom Januar 2015) gestoßen, das Arno Widmann mit ihm anlässlich des Erscheinens seines letzten Buches für die »Frankfurter Rundschau« geführt hat. (Für die, seinerzeit noch ernsthafte Konkurrenz einer anderen überregionalen Zeitung aus derselben Stadt, hat auch besagter Deutschlehrer in jungen Jahren Buchbesprechungen geschrieben …). Und das zeigt ihn als ziemlich unspießigen Mann, dessen Urteile über Literatur ganz gute Wegweiser sein könnten (und von dem man ganz bestimmt etwas lernen könnte, wenn man ernsthaft über Literatur urteilen wollte). [Über ein anderes Interview, das einen anderen Raddatz zeigt, s.o.]

16. Oktober 2016
Jonathan Franzen: The Corrections, London 2010 (EA 2001)
Über Jonathan Franzens Corrections ist schon viel geschrieben worden (das schließe ich jedenfalls aus den vielen Zitaten aus Besprechungen, mit denen der Verlag die Taschenbuchausgabe ziert); alle Leute, mit denen ich darüber geredet habe, waren einhellig der Meinung, dass es sich um große Literatur handelt. Als Roman einer Familie ist er unter anderem mit den Buddenbrooks verglichen worden und das finde ich als Anzeige des Kalibers, mit dem man es hier zu tun hat, ganz passend. In seiner klassischen Erzählweise – die Geschichte wird von einem reifen Punkt ihrer Entwicklung aus chronologisch verfolgt und die Vorgeschichte wird peu à peu aus der Perspektive jedes Familienmitglieds in Rückschauen und Erinnerungen nachgeholt – und der dichten Verknüpfung seiner Motive ist er sicher ein lohnendes Untersuchungsobjekt in literaturwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen über den Roman des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Aber auch ohne eingehende Analyse der handwerklichen Qualitäten des Werks stellt sich dem mehr oder weniger naiven Leser (der sich von der Erzählung einfach hat mitreißen lassen) die Frage, was den Nachdruck erzeugt, mit dem sich Stoff und Figuren in seinen Gedanken festsetzen und danach verlangen ›verstanden‹ zu werden. Das soll natürlich nicht heißen, dass diese Wirkung ohne die einzelnen künstlerischen Qualitäten verständlich wäre – möglicherweise ist es nicht nur gewagt, sondern schlechterdings falsch, von der Gesamtwirkung auf ein bestimmtes Individuum auszugehen, wenn man wirklich etwas über den Roman sagen will.
   Solange man sich in solchen Fragen nicht einer bestimmten Methode verschworen hat, kommt es aber auf den Versuch an … Sehen wir uns wenigstens genauer an, wie der Roman seiner Erkenntnisfunktion (bei mindestens einem Leser) gerecht wird, wie er Allgemeines im Konkreten sagt, wie er durch die Fiktion Wirklichkeit erkennbar werden lässt.
Was mich beschäftigt, ist der eigentümliche Eindruck von Totalität, den der Roman hinterlässt. Obwohl kein olympischer Erzähler den Globus überschaut und das Weltgeschehen kommentiert, meint man, die Gegenwart als Ganze in wesentlichen Zügen dargestellt zu sehen. Wie kommt das zustande, wenn ein Autor eine Kernfamilie des amerikanischen mittleren Westens erfindet, die von den durchaus individuellen und besonderen Lebensumständen der Elterngeneration geprägt ist?
   Ich sehe drei Elemente, die der Geschichte ihren repräsentativen Charakter verleihen. Das erste ist sozusagen geographisch und zeigt auch gleich, dass wir es mit einer ›wahrgenommenen‹ Totalität, nicht mit einer perspektivenfreien zu tun haben: Die Lamberts sind eine amerikanische Familie, sie leben teils im Westen, teils an der Ostküste, sie sind geprägt von der amerikanischen Zivilisation des 20. Jahrhunderts, von der materiellen und ideellen Kultur der Vereinigten Staaten. Also von jener Kultur, die mindestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch die Entwicklung in Europa geprägt hat und die nirgendwo auf dem Globus ohne spürbaren Einfluss geblieben sein dürfte. Auf diese Weise ist die gesamte amerikanische Gegenwartsliteratur in einem Maß für den Rest der Welt relevant, wie das deutsche oder japanische oder lateinamerikanische Literatur nicht ist. Das hat durchaus mit den Vermarktungsstrategien eines globalisierten Verlagswesens zu tun, aber nicht in dem eindimensionalen Sinn, dass eine amerikanische Kulturindustrie ›uns‹ an amerikanische Konfektionsware gewöhnt hätte. Die Resonanz von US-Literatur beruht natürlich auch auf dem Siegeszug des Englischen, ist vorbereitet von Hollywood, wird massiv befördert von der Werbung für amerikanische Erfolgstitel und -autoren usw. Sie wurzelt aber (was realistische Romane wie The Corrections angeht) auch tiefer in der Vergleichbarkeit der Lebensweisen in der sogenannten westlichen Welt (die es in diesem Sinne halt gibt). Auch der mittlere Westen wirkt auf einen deutschen Leser nicht ohne weiteres exotisch, er versteht die Lebensfragen, die sich dort stellen, ohne weiteres.
  Man könnte dieses geographische Moment wohl ausdifferenzieren und meinetwegen einen ethnischen Aspekt beschreiben. Mir scheint aber die vom Autor gewählte (falls er da eine Wahl hatte) soziale Stellung seiner Protagonisten wichtiger zu sein. Die Lamberts gehören der aufstiegsorientierten Mittelschicht an, sie sind jedenfalls Kleinbürger wie die meisten Leser des Romans auch. Der lange ziemlich rätselhaft bleibende, nur aus der von ihm selbst erzeugten Distanz geschilderte alte Alfred Lambert war Ingenieur bei einer regionalen Eisenbahngesellschaft mit gewissen Karrierechancen, die er nicht wahrgenommen hat. Er besitzt ein an Wert verlierendes Haus in einem Umfeld, das von Nachbarn geprägt ist, die ihre Schäfchen mit mehr Energie ins Trockene gebracht haben (statt nur sehr sorgfältig und der Firma gegenüber loyal ihre Arbeit zu tun). Seine Frau möchte eindeutiger dazugehören … Ein paar kleine Stufen höher oder tiefer auf der Leiter gibt es diese Konstellation in jeder ›normalen‹ Nachbarschaft, in den Elternhäusern jeder Schulklasse, in jedem Verwandtenkreis, sei es in einer ungarischen Provinzstadt, in einem Pariser Wohnviertel, in einer Vorortgemeinde von Tokio. Die Kinder werden auf möglichst gute Schulen geschickt, sie sollen studieren und – ohne sich von der elterlichen Sphäre zu weit zu entfernen – möglichst weiter aufsteigen. Franzen situiert seine Figuren nicht nur genau, was ihre soziale Lage angeht, er kontrastiert die Lamberts in dieser Hinsicht auch mit einer Familie, in der die Frau aus einem einst proletarischen Milieu kommt und der Mann eher Oberschicht-Gewohnheiten hat (und er lässt diese Ehe auch an dieser Kluft scheitern).
   Eine solche soziale Lage ist für die Masse der Leser so unexotisch wie die Einfamilienhaussiedlung, in der die Lamberts leben, oder die Küchenausstattung der Hausfrau. Aber es sind gerade nicht nur die typischen Elemente der Lebensweise der Lamberts, sondern auch die ganz einmaligen Umstände, die das Familienschicksal repräsentativ machen: Sie liegen sozusagen in einem Wahrscheinlichkeitsraum, den der Autor sorgfältig abgesteckt hat und für den die Klassenzugehörigkeit (um das garstige altmodische Wort zu gebrauchen) eine determinierende Größe ist.
Damit ist noch kein Element gezeigt, dass die Handlung in irgendeiner positiven Weise bestimmen und vorantreiben würde. Wie kommt eine dynamische Struktur in diese Lage? Franzen nutzt zum einen (das kommt mir ziemlich modern vor) den altersbedingten Krankheitsverlauf bei Alfred: Seine zunehmende Demenz verändert die Familienkonstellation, ist immer schwerer zu ignorieren, stellt die anderen Familienmitglieder vor wachsende Herausforderungen.
   Die Gesetzmäßigkeit der Reaktionen auf diesen Demenzverlauf innerhalb der Familie und darüber hinaus der individuellen Geschichte der Kinder ist bei Franzen aber unverkennbar vom Wesen der Kleinfamilie selbst geprägt. Die Familienstruktur verknüpft die Lebensgeschichten keineswegs bloß äußerlich, indem sie sozusagen eine Verzahnung der Biografien erzeugt. Franzen lässt stattdessen die Charaktere (nämlich die tief verwurzelten Verhaltensmuster) der erwachsenen Kinder aus den familiären Rollenverteilungen hervorgehen. Mir scheint darin ein mehr oder weniger freudianisches Element zu liegen, auch wenn Franzen natürlich nicht lehrbuchmäßig nach der Freudschen Neurosenlehre vorgeht oder dergleichen. Wahrscheinlich ist der Autor gar nicht von einer solchen Theorie abhängig (das sollte man sich aber genauer ansehen); aber diese Ableitung überhaupt ist ein sehr klassischer Zug seines Werks. Darin liegt, wie mir scheint, die stärkste Basis dafür, dass das Romangeschehen von ›jedem‹ Zeitgenossen miterlebt werden kann: Jeder in einer Kleinfamilie Aufgewachsene interpretiert das Verhalten seiner Eltern neu, wenn sie alt und schwach werden, jeder fragt sich (oder muss sich fragen), was von seinen Schwächen und Empfindlichkeiten nur Reaktion auf Wünsche und Erwartungen von Vater und Mutter ist, jeder entdeckt im Lauf der Zeit Ähnlichkeiten mit den Eltern an sich, die er sich ungern eingesteht, jeder wundert sich darüber, warum er im Kreis der Familie so schnell in alte Verhaltensweisen zurückfällt, warum er mit Eigenheiten von Familienmitgliedern so wenig Geduld hat, zweifelt, ob es sich lohnt, einiges von dem Ungesagten nach Jahrzehnten noch zur Sprache zu bringen … (Man muss das vielleicht auf die Generationen derjenigen einschränken, die um 2000 mindestens dreißig Jahre alt waren und typischerweise die Pubertät als Zeit des Konflikts erlebt haben. Franzen thematisiert, dass in der Mittelschicht viele jüngere Menschen die eigenen Eltern kontinuierlich als Freunde zu erleben scheinen – das ist für Kinderlose, die solche Leute etwa als Studenten kennenlernen, sehr exotisch, und seine Geschichte bestärkt unser Misstrauen gegenüber derartiger Harmonie!)
   Franzen legt sich nicht fest, auf welche Weise genau sich Alfreds Zwanghaftigkeit und Furcht vor der eigenen Emotionalität bei den Kindern auswirkt oder Enids Konformismus und Unfähigkeit, eine Sache um ihrer selbst Willen zu schätzen. Die Einsicht seines Erzählers geht explizit nicht weiter als die der Figuren. Die aber werden durch das Schwinden der Kräfte, die die Bilder vom Selbst und von den anderen aufrecht erhalten, zu mancher Selbsterkenntnis unsanft angestoßen. Und die verhohlene Sympathie, jedenfalls das Interesse des Erzählers liegt dann doch mehr bei denen, die sich davor nicht drücken wollen. Franzen selbst scheint es weder mit dem (glücklicherweise schon wieder aus der Mode gekommenenen) postmodernen Mystizismus noch mit der rein physiologischen Interpretation der eigenen Seelenvorgänge zu halten, die gegenwärtig von den Biowissenschaften in die Alltagsweltanschauung absinkt.
   Das tut dem Roman gut – in den Augen eines Lesers, der ebenfalls aus einer Familie mit drei Kindern (zwei Jungs, einem Mädchen) kommt, der in einem Elternteil der Lamberts ein eigenes fast schmerzlich wiedererkennt und sich nicht zuletzt deshalb wieder einmal vornimmt, bei der Familienfeier an Weihnachten nicht nur die Gans zu loben, sondern auch mehr Verständnis zu zeigen, ohne jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Wenn's denn möglich ist.
Franzens Corrections bringen etwas zur Darstellung, was mit dem Kern der westlichen Zivilisation in ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstadium (die Gegenwärtigkeit des Buches wäre ein anderes Thema …) zu tun hat. Weil seine Mittel diesem Stoff gewachsen sind, wird es viele Leser geben, die ihre höchst eigenen Angelegenheiten im Buch verhandelt finden werden. Und die daraus mehr darüber lernen werden. Und daher ist das ein Roman, dem man viele Leser wünscht.

22. September 2016
Notizen aus dem Vernichtungskrieg. Die Ostfront 1941/42 in den Aufzeichnungen des Generals Heinrici, hrsg. von Johannes Gürter, Darmstadt 2016 (Eine Publikation des Instituts für Zeitgeschichte, München - Berlin)
Gotthard Heinrici war als Kommandierender General des XXXXIII. Armeekorps am Angriff auf die Sowjetunion und speziell an wichtiger Stelle an der Schlacht um Moskau im Herbst und Winter 1941/42 beteiligt. Auf diesen Zeitraum konzentriert sich die von Johannes Hürter edierte Auswahl aus dessen Aufzeichnungen. Heinrici war, wie Hürter in seiner von souveräner Sachkenntnis zeugenden Einführung herausarbeitet, ein »ganz normaler Wehrmachtsgeneral«. Er hatte als Offizier bereits am ersten Weltkrieg teilgenommen und sein Weltbild wurde durch die Niederlage von 1918 nachhaltig erschüttert. Bei einigen Vorbehalten hat er sich willig (und mit Stolz auf die dadurch beförderte eigene Karriere) an der Aufrüstung und den Kriegsvorbereitungen der Nazis beteiligt und sich schließlich mit einer gewissen beruflichen Begeisterung in dem verbrecherischen Angriffskrieg gebrauchen lassen.
    Dabei war Heinrici alles andere als ein brutaler Unmensch: Um seine Untergebenen kümmert er sich sehr engagiert, er nimmt während des Feldzugs selbst immer größere Strapazen in Kauf und orientiert sich buchstäblich an vorderster Front nicht nur über die militärische Lage, sondern auch über die Versorgung und den Gesundheitszustand seiner Leute. Zudem ist er von einer pietistischen Frömmigkeit geprägt – er bringt es fertig, in Momenten drohender Niederlagen und Katastrophen, seinen Gott um Schutz und Hilfe anzurufen und sein Schicksal in dessen Hände zu legen. Dass er tief in einen Vernichtungskrieg verwickelt ist, ist ihm durchaus bewusst, zeitweise widersetzt er sich auf dem Rückzug sogar punktuell der Strategie der ›Verbrannten Erde‹, weil er erkennt, dass sich das Reich damit um die letzten Sympathien antisowjetischer Bewohner bringt. Aber er ist weit davon entfernt, etwa in der ›Partisanenbekämpfung‹ auch nur die Einhaltung des Kriegsrechts durchzusetzen. (Es gehört zu den verstörendsten Teilen seines Berichts, wenn man liest, dass sein Übersetzer, ein Königsberger Universistätsdozent für Landwirtschaft, aus eigenem Antrieb durchs Hinterland streift, um vermeintliche Partisanen aufzuspüren, die er dann selbstherrlich aufhängen lässt; sogar in Sichtweite von Heinricis Unterkunft, der allerdings beim Frühstück durchs Fenster nicht auf Hingerichtete blicken möchte …)
    Die Tagebucheinträge, Briefe und Berichte an die Familie aus dieser Zeit sind vollständig abgedruckt, eine Auswahl von autobiographischem Material aus der Zeit davor (u.a. Besatzung in Frankreich) und danach (bis zum endgültigen Zusammenbruch – Heinrici hat sehr lange ›das Vertrauen des Führers‹ genossen!) rundet das Bild ausgezeichnet ab.
Wie in keinem anderen Buch bisher wird mir aus diesem klar, wie sich der Krieg im Osten sowohl an der eigentlichen Front als auch im strategischen Maßstab abgespielt hat – Heinricis mittlere Perspektive scheint dafür ideal zu sein. Jemandem, dem die Verwirklichung von Moralität nicht gleichgültig ist, stellt das Buch wesentliche Fragen: Wieso kann sich ein religiöser Mensch, der, wenn man ihn fragen würde, die zentralen Gebote des Christentums selbstverständlich als bindend anerkennte, ein einigermaßen gebildeter und jedenfalls zur Reflexion (auch über das eigene Tun) befähigter Mensch im Rahmen seines beruflichen Auftrags offensichtlich mühelos über die Anerkennung des Nebenmenschen als Menschen hinwegsetzen? Warum genügen einige Formeln vom Überlebenskampf der Rassen oder des Abendlands mit dem Bolschewismus, damit Heinrici keineswegs einen rücksichtslosen Defensivkampf führt, sondern ein Land erobert, um große Teile seiner Bevölkerung zu vernichten und den Rest zu knechten?
    Hürters exzellentes Buch stellt nicht nur die Fragen, sondern deutet auch die Antworten an, die im Material selbst zu finden sind. Ein verblüffend selbstverständlicher Antisemitismus (obwohl Heinricis Frau nach den Nazigesetzen ›Halbjüdin‹ ist – und er keineswegs an Trennung denkt) spielt eine Schlüsselrolle. Ebenso reibungslos funktioniert in Heinricis Bewusstsein die Verachtung der Slawen: Überall, wo er im Osten auf primitive Verhältnisse oder schlicht auf Armut stößt, bietet sich diese Erfahrung als Verstärkung des Bildes vom unterlegenen Slawentum an. Aber diese Melange aus Verachtung und Furcht vor primitiver Wildheit überlagert auch noch ohne Schwierigkeiten jede Erinnerung an die Forderung nach Nächstenliebe. Sofern dem Fachmann Heinrici, der seinen Selbstwert hauptsächlich aus der Erfüllung der beruflichen Anforderungen bezieht, die ›man‹ an ihn stellt, ein paar Rechtfertigungsgründe angeboten werden, die zu seinem Weltbild passen, funktioniert er (selbst bei wachsender Skepsis hinsichtlich der Erfolgsaussichten) als Truppenführer einerseits und Verwüster des besetzten Landes andererseits. Und post festum gelingt es ihm noch, die Schuld (an der Niederlage, keine eigentlich moralische) bei seinem Vorgesetzten, bei Hitler und seinen noch engeren Vasallen abzuladen. – Heinrici ist kein Monster; er ist mir ähnlich genug, dass ich seine Texte in jedem Aspekt leicht lese und verstehe. Und genau dadurch stellt er ein großes, bedrückendes Rätsel dar.

22. September 2016
Kein Urteil, sondern ein Hinweis: Im aktuellen Quartalsheft der Büchergilde Gutenberg liest man einen informativen kurzen Text von Herbert Gebes über Peter Weiss' Ästhetik des Widerstands: Die Büchergilde bringt das Werk Ende Oktober (offenbar mit Lizenz von Suhrkamp) in einer neuen Ausgabe heraus. Debes schreibt dazu: »Denn die beiden Ausgaben des Suhrkamp Verlags (BRD) ab 1975 und die des Henschel Verlags (DDR) 1983 weichen im Text vor allem im dritten Teil, der sich eingehend mit dem Widerstand der ›Roten Kapelle‹ befasst, beträchtlich voneinander ab. […] Der Philologe Jürgen Schutte hat nun endlich eine ›definitive‹ Fassung erarbeitet, die den Text nach den Vorgaben von Peter Weiss präsentieren soll.« (S.31) Wer das Buch, wie ich, in der alten Suhrkamp-Ausgabe gelesen hat, sieht dieser Neuedition (1200 Seiten) nun mit Spannung und einem Hauch Skepsis entgegen …

6. September 2016:
Klaus-Jürgen Bremm: 1866. Bismarcks Krieg gegen die Habsburger, Darmstadt 2016
Vor ein paar Wochen habe ich bei einem kurzen Elternbesuch einen Artikel über die Schlacht bei Aschaffenburg vor 150 Jahren in der Lokalzeitung (»Main-Echo«) überflogen; das hatte ich schon wieder vergessen, als ich dieses Buch bei der WBG bestellt habe. Der ganze preußisch-österreichische Krieg ist ziemlich vergessen, selbst bei Leuten, die an sich schon wissen, dass er stattgefunden hat und zum unmittelbaren Vorspiel der Reichsgründung von 1871 gehörte. Da ist es verdienstlich, wenn ein Verlag ein neues populärwissenschaftliches Buch herausbringt, in dem fast alle Schauplätze des Krieges vorkommen und er sich so wieder in die Lokalgeschichten eingliedern lässt … Einen echten Schwerpunkt scheint mir die Darstellung Bremms nicht zu haben: Die Technikgeschichte spielte eine Rolle, denn die Vorteile des preußischen Zündnadelgewehrs könnten kriegsentscheidend gewesen sein; aber besonders deutlich ist des Autors Darstellung in diesem Punkt nicht (etwa zum Zusammenhang zwischen Art des Gewehrs und Taktik, S.92f.). Die allgemeine politische Entwicklung in den beiden hauptsächlich beteiligten Staaten nimmt relativ breiten Raum ein, aber bei der Entwirrung der österreichisch-ungarischen Verhältnisse in der Mitte des 19. Jahrhunderts stößt man in einer nicht allzu großen Monografie (von knapp 300 Seiten) natürlich schnell an Grenzen.
    Bremm sieht und unterstreicht sogar, dass die rasche wirtschaftliche Entwicklung in manchen Territorien des alten ›Deutschen Bundes‹ erheblich zur politischen Dynamik beiträgt, weil der Maßstab der neuen industriellen Produktion auf Vereinheitlichung im dazu passenden Maßstab des nationalen Markts drängt. Man möchte es aber ein bisschen genauer wissen: Warum wird Preußen deshalb aktiv, obwohl doch die ostelbischen Junker einflussreich bleiben? Warum bleibt das fortschrittliche Baden bundestreu? Kurz: Wie weit trägt dieses Erklärungsmodell? Bremm will aber auch die Motive und Gefühlslagen der führenden Politiker nicht zu kurz kommen lassen; schließlich ist Bismarck ein populärer Name und der Mann eine reizvolle Figur, dessen Charakter man schön mit breitem Pinsel malen kann. Trotzdem ist es ein bisschen drastisch, ihm bei mehreren Gelegenheiten regelrechte Hassgefühle zuzuschreiben; oder ist das bloß Ausdruck der Tatsache, dass Bremm mit dem Wort "Hass" modern-freigebig umgeht?
    Zu Beginn und Ende skizziert der Autor auch Wertungen und Schlussfolgerungen, die die Bedeutung und Nachwirkung des Geschehens, besonders des Kriegausgangs betreffen. Bremm will den entstehenden Nationalstaat, die kleindeutsche Lösung mit ihren verfassungspolitischen Kompromissen in Schutz nehmen: Weder sieht er von dort aus einen mehr oder weniger geraden Weg zu Hitler noch um 1866 herum überhaupt Alternativen. Letzteres Argument hat einiges für sich; eine föderale Lösung (so wie sie sich Goethe gedacht haben mag) hatte schon 1848 keinen starken Rückhalt und war dazwischen noch einmal unter den Fürsten gescheitert; Preußen hatte halt das Übergewicht, sobald Österreich ausgeschieden war, und englischen Parlamentarismus gab es nur in Großbritannien. Bremm verschließt sein Auge keineswegs vor ungesunden Folgen der Abtrennung für Österreich, wie der schwindenden Balance im inneren Machtgleichgewicht. Dass er gleich eingangs die Apologie des Nationalstaats in (modische) Europaskepsis überführt, ist gedanklich nicht ganz auf der Höhe. An Präzision, an Scharfsinn lässt es das Buch manchmal ebenso fehlen wie an wissenschaftlicher Gründlichkeit, aber die kann man von einer Publikation dieses Formats auch nicht in hohem Grad verlangen.
    Unmittelbar nach der Lektüre war ich ziemlich enttäuscht von dem Buch, von einem gewissen Mangel an Konturen und Stringenz. Jetzt, da ich diese Bemerkungen aufschreibe, kann ich nicht übersehen, dass es guten Stoff zum Nachdenken bietet. Eigentlich müsste ich es – es hat wohl Stärken und Schwächen – nicht hier kommentieren, aber es gibt einen Umstand, der mich beim Lesen ein paarmal beinahe in Rage versetzt hat: Das miserable Lektorat. Man sollte erwarten, dass bei Schlachtbeschreibungen die Ortsnamen etwa stimmen und die genannten Lokalitäten mit den Ortsnamen in den abgedruckten Karten (die ungenau genug sind) übereinstimmen. Es kann vielleicht passieren, dass man Legnano (nordwestlich von Mailand) mit Legnago (südöstlich von Verona) verwechselt, aber für eine Schlacht um Venetien macht es schon einen gewaltigen Unterschied. Aber wie kann man hartnäckig die Etsch (an der sich die Chose abspielt) als Adda, die fast 150 km westlich fließt, ansprechen? Der italienische Name der Etsch (Adige) erklärt das bestimmt nicht, zumal der Fluss in den Karten eben seine richtigen Namen trägt (dort heißt der Mincio auch so und nicht Minico). Der Vogel wird auf Seite 219 abgeschossen, denn bei der Noris, an der angeblich Nürnberg liegen soll, kann es sich nur um einen solchen handeln, oder? Hat außer dem Autor, der es ein bisschen eilig gehabt zu haben scheint, niemand den Text gelesen? Zugegeben, der Name eines »Hersteller Tors« in Aschaffenburg fällt auf anhieb nur jemandem auf, der wenigstens den Herstallturm in dieser Stadt kennt. Aber man wird dann arg misstrauisch gegenüber dem Text: Was hat es mit dem schwer nachweisbaren »Osnert« auf sich, bei dessen Erstürmung das preußische 36. Infanterieregiment 432 Mann verlor (S.218)? Ein Freund hat für mich herausgefunden, dass bei Uettingen (zwischen Marktheidenfeld und Würzburg, wo das Gefecht stattfand) ein Hügel namens Ostnert zu finden ist (der in Theodor Fontanes Buch über den »Deutschen Krieg von 1866« aber Osnert heißt); zwischendurch hielt ich einen Druckfehler (statt ›des Ortes‹) für wahrscheinlicher.
    Kurzum: Der Verlag sollte die Textkorrektur nicht gänzlich dem Leser (und Käufer) überlassen – und die WBG war mal für ihr ausgezeichnetes Lektorat und entsprechend zuverlässigen Satz und Druck berühmt. Aber das Klagelied über die WBG will ich diesmal nicht anstimmen; die Anmerkungen zu »1866« sind eh schon viel zu lang.

4. September 2016:
Thea Dorn: Die Unglückseligen, München 2016
Eine ehrgeizige Biologin, Expertin für die Genetik des Alterns, trifft bei einem Forschungsaufenthalt in den USA auf einen aus der Romantik übrig gebliebenen deutschen Physiker, der sich seinerzeit wohl mit jener Macht eingelassen hat, die auch beider Kollegen Johann Faust zur einen oder anderen Erkenntnis und Errungenschaft verholfen hat. Vom Standpunkt eines Verlagslektors sicher eine vielversprechende Idee, um deutsche Vergangenheit und Gegenwart, amerikanischen Optimismus und deutsche Bedenklichkeit, romantische Sehnsucht nach Welterkenntnis und modernes Erfolgsstreben im kompetitiven Forschungsbetrieb aufeinander prallen und in Wechselwirkung treten zu lassen, zumal eine vermeintliche Heilsbotschaft der Molekularbiologie, der vielleicht zum Greifen nahe Sieg im Kampf gegen das Altern, den stofflichen Boden abgibt, auf dem diese Begegnungen geschehen. Für viele Buchkonsumenten wäre was dabei und fürs Feuilleton ohnehin. Der Verlagslektor hat sich auch nicht getäuscht, üppiger Erfolg hat sich eingestellt.
    Allein der Leser schneidet schlechter ab: Er ist nach 550 Seiten (besagter Lektor hat wohl nicht gewagt, Kürzungen zu verlangen …) nicht viel klüger als nach 50, hat allenfalls die Bekanntschaft mit einem Teufel erneuert, der seine Sache ganz gut und modern zu verkaufen weiß und der (wie Mephisto im Faust) neben dem schuldgeplagt-unglücklichen, aber spinnerten Mann aus einer offenbar noch recht zauberhaften Zeit um 1800 und der biestig-entschlossenen, bislang erfolgreichen Frau einer sehr prosaischen Gegenwart eine sympathisch-vernünftige Figur macht, auch wenn er nur als Kommentator der Erzählung auftritt.
    Denn bei all diesen Spannungen, gegensätzlichen Zielen, Risiken … passiert eigentlich nichts. Der Romantiker ziert sich arg, seine Geschichte preiszugeben, ja er ist am Ende des Romans immer noch nicht recht dazu gekommen. Die sich nüchtern dünkende Naturwissenschaftlerin hört ihm ohnehin nicht zu. Er spricht unablässig so, als wäre er die Diktion einiger recht unbeholfener Werke, die er in seiner frühen Jugend gelesen haben muss (Lessing oder Wieland kommen nicht in Frage, neuere erst recht nicht), in fast zweieinhalb Jahrhunderten nicht losgeworden, hätte höchstens ein paar Wendungen von Novalis oder Brentano seinem Sprachschatz hinzugefügt. Sie redet, als wäre alles, was über Anweisungen und Protokollsätze hinausgeht, unmoralische Zeitverschwendung, die man allenfalls zur Manipulation seiner Mitmenschen in Kauf nehmen muss (also so, wie sich ein Geisteswissenschaftler mit einem gewissen Restdünkel jene Drittmittel-verwöhnten, mäßig gebildeten, arbeitsamen Quasi-Kollegen halt vorstellt). Und die übrigen Figuren sind Staffage, sie kommen und gehen (oder werden beseitigt), so wie sie gebraucht werden.
    Am Schluss hat der Erzähler sogar seine liebe Mühe, die beiden Hauptfiguren verschwinden zu lassen (eine von beiden zeichnet sich schließlich durch eine Zählebigkeit aus, die das Erklärungspotenzial sogar der ausgewisenen Expertin transzendiert, und die andere machte wenigstens anfangs einen ganz gesunden Eindruck), denn anders ist das Geschehen gar nicht mehr zu Ende zu bringen. Der Teufel hat, obwohl doch sonst ein treuer Vertragspartner, das Interesse an diesen beiden schließlich verloren; und da er dem Leser nie angedeutet hat, was er denn mit ihnen vorhatte, war es dem schon ein paar hundert Seiten früher so ergangen. (Aus Gründen, die zu erläutern hier zu weit führen würden, habe ich das Buch innerhalb meiner Familie verschenkt; es liegt mir seit zwei Wochen nicht mehr vor und ich urteile aus der Rückschau. Der Kollege, der mir das Dornsche Werk empfohlen hatte, war übrigens auch nach meiner Kritik nicht bereit, es nun direkt schlecht zu finden. In unserer Diskussion spielte der Vergleich mit Ian McEwans Solar eine gewisse Rolle – vielleicht kann ich den nicht ganz uninteressanten Hauptpunkt der Kontroverse darüber hier gelegentlich nachtragen.)

Schnipsel:

Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker, 2.971.000-3.000.000, Reinbek bei Hamburg: Oktober 1988
«Was hat er denn für einen Beruf?»
«Philosophe.»
«Was verstehen Sie darunter, Charnel?»
«Ein Mann, der viel denken und nichts machen.»
«Er muss doch Geld verdienen?»
Charnel schüttelte den Kopf.

(S.41)

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?, ungekürzte Neuausgabe mit einem Nachwort von Carsten Gansel, Texterfassung von Mike Porath und Nele Holdack, Frankfurt am Main u.a.: Büchergilde Gutenberg (Lizenz Aufbau Verlag) 2016
»Heute, nur heute verdiene ich noch, morgen, ach morgen, stemple ich doch …« (S.173)

J. D. Salinger: The Catcher in the Rye, Harmondsworth: Penguin 1983
»The thing Jesus really would've liked would be the guy that plays the kettle drums in the orchestra. I've watched that guy since I was about eight years old. My brother Allie and I, if we were with our parents and all, we used to move our seats and go way down so we could watch him. He's the best drummer I ever saw. He only gets a chance to bang them a couple of times during a whole piece, but he never looks bored when he isn't doing it. Then when he does bang them, he does it so nice and sweet, with this nervous expression on his face. One time when we went to Washington with my father, Allie sent him a postcard, but I'll bet he never got it. We weren't too sure how to address it.« (S.143f.)

Cormac McCarthy: No Country for Old Men, Taschenbuchausg. London: Picador 2007
»If there aint nothin to be done about it it aint even a problem. It's just a aggravation.«
Sheriff Bell (S.283)

Michel de Montaigne: Essais, übersetzt von Hans Stilett, München 2002
»Ein edelsinniges Herz aber hat es nicht nötig, seine Gedanken zu verleugnen, es will vielmehr, daß man ihm bis ins Innerste sehe, denn alles darin ist gut, alles darin ist zumindest menschlich. […] Jedesmal, wenn ich mich den Großen gegenüber in Sprache und Benehmen ebenso ungeniert gebe, wie ich es von zu Hause gewohnt bin, spüre ich durchaus, wie nahe dies an Taktlosigkeit und Ungezogenheit grenzt.« (II, 17, S.479 u. 482; wegen M....b..)

Jonathan Franzen: The Corrections, London: Fourth Estate 2010
»A man by himself could weather Eden's enthusiasm, but two men together had to gaze at the floor to preserve their dignity in the face of it.« (S.124)

Franz Blei: Das große Bestiarium der Literatur, Ausgabe Frankfurt am Main: Insel 1982
Vierter Exkurs (S.136-146). Kunst: »Es handelt sich um Bräuche einer bestimmten Kaste.« (S.145) »Die Geschichte der Künste ist der catalogue raisonné jener Werke, welche in der Zeitenfolge von der ästhetischen Kaste ausgewählt wurden.« (S.146)