»Aristippos erklärte, der größte Gewinn, den er aus der Philosophie gezogen habe, sei der, daß er nun mit jedem frei und offen rede.«

Montaigne, Essais, II.17

Wenn man sich so nach und nach durch Montaignes Essais (in der schönen Übersetzung von Hans Stilett) liest, könnte man leicht eine Seite mit treffenden Zitaten füllen, die zusammen auch den Zitierenden charakterisieren würden. So ganz aus zweiter Hand möchte ich dieses Geschäft allerdings nicht betreiben; ab und an entsteht ein Gedanke oder drängt sich mir eine Beobachtung auf, die ich hier mitteile, wenn ich mir einen interessierten Adressaten vorstellen kann, ob sie nun sehr originell sind oder nicht. Wie privat es dabei zugehen wird, muss sich zeigen, aber keine Sorge: Der Seitenbesucher, der neugierig auch diese Unterseite angeklickt hat und nun plötzlich quasi vor meinem Schreibtisch steht …

… ist mir nicht unvermutet zu nahe getreten. Trotzdem sollte ich ihn warnen: Hier ist nicht aufgeräumt! Hier geht es nicht wissenschaftlich zu, hier wird kein philosophisches Handwerk ausgeübt! Hier fehlen allerorten Belege, statt solider empirischer Befunde ist bloß meine Wahrnehmung die schwankende Grundlage. Ungeordnetes und Unfertiges bleibt absichtlich so; wenn man Romantiker wäre, würde man von ›Fragmenten‹ sprechen – da werden leicht Meinungen geäußert, Urteile gefällt, die der Besucher nicht teilen wird. Solche Freiheiten nehme ich mir an dieser Stelle heraus. Es kann auch sein, dass die Texte einfach langweilen, gar anöden! Obwohl ich es nicht gerade darauf abgesehen habe …

Technisch ist in dieser Kammer leider nichts auf der Höhe: Es gibt keine Blog-Funktionalität (die ist nicht im Preis inbegriffen), und das ist unpraktisch. Ich behandle diese Seite einfach wie einen Stapel: Das neueste Blatt liegt oben, und indem ich neue Blätter dazu lege, wandern die alten nach unten. Wenn der Besucher von oben nach unten liest, kann er aufhören, sobald er auf Bekanntes stößt.

Wie man links sieht, gibt es noch einen zweiten Stapel, der nur Notizen über (meistens nicht-philosophische) Bücher enthalten wird – abschließende Bewertungen nach der Lektüre, Gedächtnisstützen zu Details, aber auch (unten auf der Seite) Zitate, die sich vielleicht noch einmal anderweitig verwerten lassen … Montaigne ist natürlich auch dabei!

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30. März 2017

Kennen Sie das? Ein kleiner Einkauf im nächstgelegenen Discounter, so einem Stadtteilfiliälchen mit vollgestellten Gängen, undurchschaubarem Sortiment und uralten, klemmenden, nicht Spur haltenden Einkaufswagen. Das Personal nicht zu vergessen, das sich durch die Kundschaft, die kreuz und quer hindurchläuft und immer an den engsten Stellen stehen bleibt, gestört fühlt. Macht nix, man braucht nur eine handvoll Artikel, man war beim Friseur und kommt gerade hier vorbei, man hat eigentlich auch Zeit. Es stört also nicht sehr, dass eine von zwei besetzten Kassen, die linke, gerade geschlossen wird. »Bitte hier nicht mehr anstellen!«. Kein schickes Display, keine Durchsage, einfach ein Pappschild auf dem Warenband vor der Kasse. Die andere Schlange ist gar nicht so lang, man kann noch einen jüngeren Mann, der bloß eine Dose Bier zu erwerben wünscht, vor lassen.
    Direkt schnell geht es natürlich auch nicht, vor allem niemandem schnell genug. Dem Herrn mit dem Trinkbedürfnis erst recht nicht (es ist ein ungewöhnlich warmer Frühlingstag). Die Kassiererin links, die Schluss machen will, ist mit einem höflichen alten Herrn beschäftigt, der die richtige Summe nicht auf anhieb aus dem Portemonnaie kramt … Die Dose Bier wechselt unversehens, fast ganz unauffällig, die Seite und kommt hinter das Bitte-hier-nicht-mehr-Schild zu liegen. Aus der begrenzten Tiefe des Raumes tänzelt beinahe ein adrettes, schlankes, blondes Mädchen heran, ein bisschen desorientiert vielleicht, sie hat große Kopfhörer auf, tendiert jedenfalls zum nun fast leeren Kassenband (man möchte nicht alle denkbaren Gründe für die Kassenwahl erörtern). Was sie in der Hand hatte, passt auch noch hinter das nicht sehr furchteinflößende Schildlein, das ganz allein standhalten soll. Nun sind sogar drei türkische Männer – die üppige Ausstattung mit sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen soll keine Zweifel aufkommen lassen – mit je einer Avocado, aber gemeinsam zur Stelle. Die Pappe hat sich scheinbar spontan verschoben. Eine Landsmännin gesellt sich schnell noch hinzu, zwei Kleinigkeiten und eine Handtasche, in der sich unschuldig herumwühlen lässt, passen da auch noch hin. Ungeschickterweise hinter dem Schild, es gibt halt unüberbrückbare kulturelle Differenzen, postiert ein junger Afrikaner ein Paket Zucker, nicht den billigen, sondern Südzucker (ist das ein zaghafter, aber schon über das Ziel hinaus schießender Versuch der Anpassung?). Er ist nicht der letzte, die Botschaft des Schildchens, wiewohl in Warnfarbe gedruckt, verliert den Rest ihrer Wirkung.
    In der regelkonform von den Geduldigen, Zaghaften, Gleichgültigen und über den Dingen Stehenden gebildeten Warteschlange rechts ist man mittlerweile dran. Weil man die Formation des prallen Lebens links davon im Blick behalten hatte, wird man von der Kassiererin ermahnt, mit dem Wagen bitte einmal ganz 'rum zu fahren, damit sie einen prüfenden Blick hinein werfen kann. Beim Bezahlen kann man plötzlich nicht mehr an sich halten und nölt herum, ob sie denn hier großen Wert darauf legen würden, die Kundschaft zu veräppeln mit diesen Schildern, an die sich niemand hält … und dann muss das erklärt werden, in den eigenen Ohren klingt man längst wie ein verwöhntes Kind, das auch ein Eis haben will, aber keins bekommen soll …, aber das sei hier leider immer so, jedesmal geradezu, wenn man selbst … Das Exemplarisch-Schicksalhafte an der Situation drückt auf den Kehlkopf, die richtigen Worte, um in einer knappen Bemerkung alles zu sagen, finden sich nicht, zu spät ist es eh schon. Der Gesichtsausdruck des nächsten in der Schlange spricht Bände, obwohl er mit seinem Handy beschäftigt ist, die Kassiererin, die einen Blick mit ihm gewechselt hat, erklärt betont geduldig zurück. Es macht 17 Euro 16, 16 Cent hat man klein, und man muss das Zeug nur noch am viel zu kleinen Packtisch, an dem man immer irgendwem im Weg steht, in den Rucksack packen, weil man das, um den Betrieb nicht aufzuhalten, nicht gleich an der Kasse tut …
    Kennen Sie sowas? Nein, Ihnen passiert das nie? Haben Sie vielleicht spontan Lust auf ein … Achso, Sie kaufen nie im Supermarkt ein, höchstens mal im Bio-Supermarkt, wenn der Hofladen gerade geschlossen hat, man muss nämlich regionale Produktion … Herrlicher Tag heute, viel zu schön eigentlich, um in einem Café herumzusitzen. … Ihnen auch, Ihnen auch.

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21. Oktober 2016

Heute Abend, da ich gerade von dort zurückgekommen bin, möchte ich ein bisschen Werbung für Urlaub im Bergischen Land machen. Ein Freund besitzt ein denkmalgeschütztes, verschiefertes Fachwerkhaus, wie es typisch ist für die Gegend, das ist ein sehr guter Ausgangspunkt für viele der Aktivitäten, die dort möglich sind und durch die das Bergische Land zu einer (ziemlich unterschätzten) vielseitigen Urlaubsregion wird. Ich habe diesen Freund und seinen Sohn (12 Jahre alt) am Montag Abend dort getroffen und es hat noch für einen Besuch im örtlichen Hallenbad gereicht. Das hat nicht nur den mittlerweile üblichen warmen Sole-Außenbereich und Rutschen für die Jungen, sondern man kann auch ganz gut ein paar Bahnen schwimmen.
Am Dienstag haben wir eine Wanderung von etwa 19 Kilometer rund um Schloss Burg unternommen – die Gegend ist unbestreitbar dicht besiedelt und trotzdem kann man mehrfach das Tal der Wupper kreuzen und die abwechslungsreiche Herbstlandschaft genießen, ohne viel an stark befahrenen Straßen entlang zu gehen oder überhaupt durch Ortschaften zu laufen. Dass der Mischwald um diese Zeit prächtige Farben zeigt, braucht ja gar nicht gesagt zu werden; die kommen auch noch bei leicht regnerischem Wetter sehr schön zur Geltung. Man braucht natürlich die richtige Kleidung. (Ebenso gut eignet sich das Terrain übrigens nach Auskunft des Freundes für Fahrradtouren, wenn man einigermaßen fit ist und es trotzdem nicht gerade auf endlose Anstiege abgesehen hat.)
Am Mittwoch hat es allerdings ein bisschen zu heftig geregnet … Also haben wir einen Museumsbesuch eingeschoben, nämlich im Neandertalermuseum in Mettmann. Das ist nicht nur dem berühmten Fund gewidmet und auch nicht allein dem Homo sapiens neanderthalensis (wie er dort noch heißt), sondern der ganzen Paläoanthropologie. Das Forschungsgebiet ist stark im Fluss und so sind nicht alle Informationen auf dem allerneuesten Stand der Wissenschaft (vorausgesetzt, der Wikipedia-Artikel ist zutreffend), aber eine ganze Menge über diesen Frühmenschen und seine Lebens- und Ernährungsweise (im Vergleich zu Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus usw.) erfährt man schon, man kann die anatomischen Unterschiede an Schädelmodellen allmählich ertasten, es gibt Filme, die die Herstellung eines fortgeschrittenen Faustkeils zeigen und das museumspädagogische Konzept schafft überhaupt den Spagat, sowohl jugendliche als auch erwachsene Besucher mit und ohne Vorkenntnisse anzusprechen. Man sollte sich den Gang zur ehemaligen Fundstelle im Düsseltal nicht entgehen lassen: Das Tal ist immer noch schön, aber man ist auch von der Veränderung durch den Kalkabbau (gegenüber den Darstellungen noch aus dem frühen 19. Jahrhundert) frappiert. Und der genaue Ort, wo 1856 die Knochen gefunden wurden, die das Menschenbild veränderten, hat unbestreitbar eine gewisse Aura, auch bei Regen und obwohl der Felsen, in dem sich die Höhle befand, restlos verschwunden ist.
Am Donnerstag sind wir um Altenberg gewandert, etwas weniger, als wir geplant hatten, weil der Junge Magenprobleme hatte. Aber auch Spaziergänge entlang der Dhünn sind reizvoll und das Tal ist natürlich in dieser Hinsicht gut erschlossen. Wenn man überhaupt deutschen Mittelgebirgslandschaften etwas abgewinnen kann (bei Leuten, die in einer solchen aufgewachsen sind und nun in Großstädten leben, dürfte das der Fall sein), dann wird man von der Art, wie sich dieses Flüsschen durch Wälder und Wiesen schlängelt durchaus angerührt werden. Und den Blick von der Dhünntalsperre über den See und seine Buchten und dann ins Tal hinunter kann man nur als romantisch charakterisieren – die große moderne Betonschüssel des Überlaufs stört gar nicht.
Zwischendurch sollte man unbedingt den ›Bergischen Dom‹ betreten und den Raum auf sich wirken lassen. Es ist nicht einfach, die zisterziensische Klarheit des rein gotischen Baus heute noch als karg wahrzunehmen, trotz der jetzt wirklich zurückhaltenden Ausstattung des Innenraums und trotz des hellgrauen Steins. Das Licht in seiner feinen Filterung durch die filigranen Fenster durchströmt den Raum in einer Weise, die auch die ungläubige Seele zu erheben geeignet ist, sie jedenfalls leichter macht. – Beim ersten Besuch sollte man es vielleicht bei der intensiven Aufnahme der Raumatmosphäre belassen, aber wenn man wieder kommt, kann man sich beispielsweise genauer mit den Grabmälern derer von Berg im Herzogenchor beschäftigen oder natürlich mit den unterschiedlichen Epochen der Glasmalerei, die vom Chor bis zur Westfassade verwirklicht sind.
Irgendeine Gastronomie-App hat uns schließlich zum Abendessen in ein griechisches Restaurant in Burscheid gelotst, das »Korfu«. Das war eine sehr angenehme Überraschung: freundliche, aber unaufdringliche Bedienung, griechische Küche auf recht hohem Niveau, interessante Gerichte auf der Saisonkarte (ich hatte ein Arnaki Kleftiko, was ich vorher noch nie gegessen hatte), auch die griechische Bohnensuppe war schon gut gewürzt und schmackhaft … Wir sind vom Hauptgericht satt geworden, aber ein 12jähriger verträgt immer einen Nachtisch … und so haben wir schließlich drei verschiedene Desserts probiert – alle lecker, aber unsere Empfehlung sind die Hefeteigbällchen mit Vanilleeis und Honig (Lukumades), ebenso schlicht wie köstlich!
Das sind ein paar Beispiele für angenehme Unternehmungen, die sich im Bergischen Land fast von alleine anbieten. Dass es noch viele andere Möglichkeiten gibt (bei den kulturellen etwa das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal, unter den kulinarischen das Restaurant »Zur Post« in Odenthal, wenn es etwas richtig Feines sein darf und man die berühmten Gourmettempel in Bergisch Gladbach scheut) wird jeder schnell sehen, der sich kundig macht. Und weil das ja Werbung fürs Bergische Land sein soll – wir wären alle gern länger geblieben –, berichte ich nun nicht mehr von der Besichtigung des Doms in Limburg an der Lahn (den man allerdings mindestens einmal im Jahr besichtigen sollte) heute auf der Rückreise und auch nicht vom Kuchen im Café Will (weder vom traditionellen Apfelkuchen noch von der modernen Amarettotorte) ebenda.

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8. Oktober 2016 Chatten

Ohne je große Begeisterung für diese Art des Gedankenaustauschs entwickelt zu haben, habe ich in den letzten Jahren (fast sind es Jahrzehnte: im IRC hat das noch im vergangenen Jahrhundert angefangen) auf mehreren Plattformen eine ganze Menge Text an Leute aus vieler Herren Länder geschickt und von ihnen empfangen. Irgendwo auf dem Globus findet sich ja zu jeder (lokalen) Tages- und Nachtzeit jemand, mit dem man irgendwelche Interessen oder Vorlieben teilt und mit dem man, gerade weil man ihn vermutlich nie treffen wird, zwanglos ins Gespräch kommt. Als Freizeitgestaltung rangiert das so etwa auf dem Niveau eines Fernsehabends, würde ich sagen, immerhin rostet dadurch das eigene Basic English nicht ein. Für die Linguisten sind Chats sicher eine faszinierende neue Quelle für Sprachverwendungen, die der gesprochenen Sprache näher stehen als traditionelle Formen der Schriftlichkeit. Vielleicht findet man dereinst heraus, dass der durchschnittliche Chat große Ähnlichkeiten mit dem durchschnittlichen Bargespräch in einer Großstadt (in einem Land, in dem Bars auch dazu da sind, dass man sich mit Fremden unterhält) unter Fremden hat … Oder auch nicht.
Mir scheint aber nun, seitdem Smartphones allgemein in Gebrauch gekommen sind, schon wieder eine recht gravierende Veränderung im Chatverhalten der meisten Leute eingetreten zu sein: Man hat den Chat jetzt immer dabei und braucht ihn eigentlich gar nicht zu beenden und wieder aufzunehmen. Dafür ist man natürlich keineswegs auf einen Chat konzentriert: Man geht gleichzeitig allen möglichen Alltagsverrichtungen nach (das war beim Chatten von jeher so) und wird vielfältig durch Dringenderes abgelenkt: Durch den Verkehr, durch Nachrichten auf anderen Kanälen, Anrufe, zur Neige gehende Akkus usw. Aber der Chat läuft nebenher immer weiter … man bekommt neue Nachrichten von ein und derselben Person nach Minuten, Stunden, Tagen und kann sich nun spontan mehr oder weniger schlecht an den Stand des Gesprächs erinnern. Hier steckt die Neuerung: Anstatt eine völlige Verzettelung des Gedankenaustauschs zu vermeiden, nimmt man sie als Normalität hin. Was sich genau dadurch an Inhalt und Verlauf der Kommunikation ändert, ist schwer dingfest zu machen: Mir scheint, es kommt zu faden und prinzipiell endlosen Wiederholungen, man hat es schwer, sich vom gleich anfangs festgestellten punktuellen gegenseitigen Interesse loszumachen oder von dort aus neues Terrain zu bestellen. Es führt einfach nicht eins zum anderen.
Nun ist man natürlich nicht in einer kafkaesken Situation gefangen: Stattdessen schläft der Austausch irgendwie ein, ohne dass man bewusst und absichtlich Abschied genommen oder auch nur ein Ende festgestellt hätte. Nach Monaten kann man dann praktisch wieder von vorne anfangen, ermuntert von der vagen Erinnerung an eine Begegnung im Wortraum, die vielleicht wirklich einmal vielversprechend war.
Neue Kommunikationsformen nehmen einem die Mühen des Kennenlernens nicht ab. Und die Tücken dieser Formen muss man beim gegenwärtigen Tempo der Neuerungen auch noch ständig neu in Erfahrung bringen.

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3. September 2016 Nachtrag zu Geschmacksurteilen

In einer kurzen Diskussion über meine potenzielle Kritik an Berninis Plastik (31.8.) hat sich wieder einmal gezeigt, dass man in ästhetischen Fragen kaum umständlich genug sein kann, wenn es um die Klärung der Begriffe geht, die mit Wertungen zu tun haben. Ich will hier natürlich keinen Vorschlag zur Definition von ›Geschmack‹ machen und auch den Begriffsklärungen keine neue hinzufügen, sondern nur darauf reflektieren, wie ich den Ausdruck dann, wenn ich halbwegs sorgfältig rede, gebrauchen möchte: Es stimmt mit dem alten Spruch, dass man über Geschmack nicht streiten könne, überein, wenn man von einem rein persönlichen Geschmack spricht, dessen Urteile man anderen überhaupt nicht zum Nachvollzug anbieten will. Man kann bestimmte Kunstwerke anderen vorziehen, weil sie einen Reiz besitzen, für den es nur biographische Gründe gibt, weil sie angenehme Assoziationen auslösen, von denen man nicht annimmt, dass sie bei anderen auch ausgelöst werden. Der eine mag Pferdebilder, weil er Pferde mag, der andere hat eine Schwäche für einen gewissen Popsong, den er in seiner Jugend unter höchst angenehmen Umständen gehört hat, ein dritter schaut sich gerne Horrorfilme an und kann sich auch nicht so ganz erklären, warum er sich gerne gruselt. Ein ästhetisch halbwegs aufgeklärter Mensch wird sich nicht wundern, wenn selbst seine Freunde diesen seinen Geschmack nicht teilen, er wird nicht vermuten, dass der künstlerische Wert eines Kunstwerks davon irgendwie betroffen ist; das einzige ästhetische Problem mit dieser Art von Geschmack liegt darin, dass wir uns kaum je sicher sein können, dass unser Gesamturteil über ein Werk, das nicht nur privat gültig sein soll, von solchen ›grob sinnlichen‹ Anhaftungen frei ist.

Am anderen Ende der Skala steht unser Einverständnis mit den feststehenden Wertungen des Kunstkanons: Wenn wir aus selbst gewonnener Überzeugung anerkennen, dass Beethovens Klaviersonate op. 106 (die sog. Hammerklavier-Sonate) große Musik ist, Rembrandts »Nachtwache« ein bedeutendes Gemälde und Sophokles' »Antigone« ein zeitlos bewegendes Drama, dann zeigen wir damit eigentlich bloß, dass wir gelernt haben, wie man im Bereich dessen, was in unserem Kulturkreis ›Kunst‹ heißt, überhaupt urteilt. Es besteht zwar ein Spielraum in der Rangordnung auch der kanonischen Werke und über die Zugehörigkeit von fast jedem konkreten Werk zum Kanon der jeweiligen Gattung mag Streit möglich sein, aber wer mit den Werken Bachs, Beethovens, Verdis, Debussys, Bartoks, Brittens, ... Lachenmanns nichts anfangen kann, der wird halt keine Ahnung von Musik haben (und nicht einen ungewöhnlichen Geschmack). Man kann sich des Urteils über ›klassische Musik‹ enthalten, weil man nur Rap hört (und dort zu diskussionswürdigen Unterscheidungen fähig sein), aber man kann nicht ernsthaft Jay Z über Mozart und sämtliche Komponisten der Wiener Klassik stellen. (Diese Behauptungen haben wahrscheinlich Implikationen für den Kunstbegriff, denen man nachgehen müsste, aber das will ich im Augenblick nicht tun.)

Stattdessen will ich deutlich machen, dass es meines Erachtens (mindestens) eine dritte Ebene bei den ästhetischen Urteilen gibt (und darin ganz sicher einige verschiedene Arten),  nämliche solche, bei denen Gründe angeführt werden könnten für den Vorzug, den man etwa einem Genre, einem bestimmten Stil oder eben dem Werk eines Künstlers vor anderen einräumt. Auf diesem weiten Feld finden immer wieder die Schlachten zwischen der Avantgarde und den Traditionalisten statt oder die zwischen den Kritikern, die nur l'art pour l'art für echte Kunst halten, und denen, die jene für bloß artistisch, arm und letztlich unernst erklären … Die Geschichte der ästhetischen Wertung lässt hier kaum Grenzen erkennen, fürchte ich: Während die meisten Kunstgebildeten es heute wohl für eine Sache des Privatgeschmacks halten würden, ob jemand die Architektur der Gotik, der Renaissance oder des Barock tendenziell höher schätzt, hat es unbestreitbar Zeiten gegeben, in denen auch unter den Stilepochen eine mehr oder weniger unbestrittene Rangordnung herrschte; es gab mehr als eine querelle des anciens et des modernes und es ist noch nicht lange her, dass die klassische griechische Antike in mehr als einer Gattung die Maßstäbe setzte (oder man jedenfalls allgemein so tat als ob ...).

Und nachdem ich das so weit geklärt habe, stelle ich fest, dass ich nicht genau weiß, ob meine Ausstellungen an Berninis »Apollo und Daphne« ein Fall einer individuellen Kritik sein sollten (ein Werk wird irgendwelchen getrennt vom Einzelurteil auszuweisenden Kriterien nicht oder weniger gerecht …) oder ob ich zu einer einordnenden Wertung angesetzt habe (ein Werk ist ein typischer Vertreter dieser oder jener Stilgruppe, der bestimmte ästhetische Gebrechen anhaften ...). Man muss obendrein eine ganze Menge Werke kennen und verglichen haben, um auch nur im Hinblick auf die Klarheit über die Art des ästhetischen Urteils klar urteilen zu können ...

Wenn man etwas Klares und Gründliches über die Verwendung des Ausdrucks ›Geschmack‹ lesen möchte, auf dass man das Wort hinterher differenzierter gebraucht, besorge man sich folgenden Aufsatz:
Werner Strube: »Über den Geschmack läßt sich (nicht) streiten. Traditionelle sprachanalytische Lösungen des De-gustibus-Problems«. In: Philosophy, Theology, Culture. Problems and Perspectives. Hg. v. Tengiz Iremadze u. a. Tbilissi 2007, S. 348-365. (Stark überarbeitete Fassung von: »Zur Geschichte des Sprichworts ›Über den Geschmack läßt sich nicht ­streiten‹«. In: Jahrbuch für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 30 [1985], S. 158–185.)

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31. August 2016  Rom, Anschauungen

Ein Bekannter (das Wort sagt zu viel und zu wenig; es gibt halt nicht für alle Maße und Arten der persönlichen Vertrautheit und Distanz und die Dimension ihrer Erwünschtheit ein eigenes Wort, zumal wenn noch die Schattierungen im virtuellen Raum dazu kommen), ein Bekannter also ist gerade in Rom und berichtet im Chat von Erlebnissen mit Gebäuden, Gemälden und Skulpturen. Zuletzt hat er unter anderem Berninis "Apollo und Daphne" (jetzt in der Galleria Borghese) hervorgehoben. Ich habe angemerkt, die Diskussion über diese Plastik spiele eine Rolle bei den Versuchen, die Grenzen der Künste abzustecken, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hartnäckig angestellt wurden. Ich weiß aber nicht mehr, wer darauf hinweist (Lessing im »Laokoon«? Winckelmann wendet sich gegen Bernini …; Goethe erwähnt ihn später überhaupt nicht direkt, sagt das Register der Hamburger Ausgabe); vielleicht tut es mangels Anschauung keiner der damals führend Beteiligten, sondern hätte es bloß tun sollen: Denn die Darstellung jener ›Metamorphose‹ ist doch vielleicht der wichtigste Versuch (bestimmt in der Plastik des Barock), die Begrenzung der Bildhauerei (und auch der Malerei) auf die Darstellung eines Augenblicks durch den Trick der Wahl des ›fruchtbaren Augenblicks‹ aufzuheben.

Ob das gelingt, hängt auf der einen Seite eben von der richtigen Wahl und natürlich der gelungenen Darstellung jenes Augenblicks ab, auf der anderen Seite aber schlicht von der Bezugnahme auf den als bekannt vorausgesetzten Mythos (jedenfalls machte man das damals so und konnte es bei seinem Publikum so machen): Eine Szene wie die von Bernini in Stein gehauene ist vielsagend für den Betrachter, der die »Metamorphosen« kennt, wenigstens die populärsten Geschichten, wenigstens dem Stoff nach. Mit einem in der klassischen Mythologie völlig Ungebildeten, der ansonsten aber Verständnis für Plastik hat, müsste man den Versuch anstellen; ich glaube, ein bisschen verwirrt wäre der allemal.

Aber darauf will ich im Augenblick nicht hinaus: Ich habe mich nicht recht getraut, jenem Bekannten zu gestehen, dass ich just gegen diese Figur früher so meine Vorbehalte hatte (tendenziell gegen die barocke Plastik im Gegensatz zu der der Renaissance überhaupt). Nun kenne ich sie nur von ein paar Abbildungen, und das mag entscheidend sein; ich bin vielleicht nicht so sehr wie Herder davon überzeugt, dass man Plastik mit den Augen wie mit Fingern von allen Seiten abtasten muss, aber auch auf Bildern aus verschiedenen Blickwinkeln sieht man klar, dass die Gruppe zur Betrachtung von allen Seiten, sozusagen im Umgang angelegt ist. Da mag sie jenes Leben entfalten, auf dass es bei dem Sujet ankommt, und das bei der verkleinerten zweidimensionalen, statischen Abbildung auf der Strecke bleiben muss.

Mein Einwand ist aber, meine ich, ein anderer, einer aus naturalistischer Gesinnung, deren Rustikalität mir etwas peinlich ist: Sieht man angesichts der Skulptur nicht, statt der Leidenschaft des liebestollen Gottes (sic deus in flammas abiit, sic pectore toto uritur et sterilem sperando nutrit amorem – ich wollte, ich könne lateinische Verse skandieren), statt der Erschöpfung (viribus absumptis expalluit illa, citaeque victa labore fugae …) und Furcht der Fliehenden, der jungfräulichen Nymphe, halb noch vor dem mutmaßlichen Gewalttäter, halb vor der Verwandlung, die mit ihr geschieht, sieht man stattdessen nicht – ein bisschen früh, ein bisschen stark – die Kunst Berninis, nimmt man nicht die Geste war: Schaut her, MIR gelingt es, all das in Stein zu bannen, in totem Stoff die Geschichte auf dem Höhepunkt ihrer Dramatik zu erfassen; die unterschiedlichen Leidenschaften, die Reize des männlichen Gottes und der keuschen Nymphe, sogar die Verwandlung des eben noch flüchtenden Menschen in einen Lorbeerbaum – den schwierigsten denkbaren Vorwurf habe ich gewählt, ich habe Ovid in die Schranken gefordert und ich triumphiere!

Wagemut und Selbstbewusstsein stehen einem Künstler, einem, der Großes leisten will, gut an; dass er ziemlich deutlich die Herausforderung der vorgeblichen Begrenzung seiner Kunst thematisiert, kann man ihm heutzutage (wo die Phrase vom 'Grenzen sprengen' bei der Anpreisung jedes sein-sollenden Kunstwerks einfach zum Repertoire gehört) kaum vorwerfen. Dennoch ist mir ein Werk, das ein wenig länger zum Verweilen beim Sujet (das doch fraglos dargestellt ist), zum Einfühlen einlädt (unter anderem in die Empfindungen der Figuren, eben so, wie sie der Künstler darstellt), lieber. (Ein naturalistischer Geschmack ist kein Charakterfehler.)

Allerdings deutet die Reaktion des erwähnten, geschätzten Rom-Besuchers an, dass die Plastik jenes elegante Spiel mit dem Staunen des Kunstfreunds doch nicht so stark inszeniert – oder erst obendrein, nachdem der überraschte Betrachter eben den fast rasenden Apollo, die verzweifelt sich in die Verwandlung rettende Daphne und das erstaunliche Schauspiel der Metamorphose anschaulich erlebt hat. Und dann wäre gegen Berninis Selbstherrlichkeit angesichts der herrlichen Skulptur gar nichts zu sagen. Man sollte sie sich anschauen. (Ich beneide den Rom-Besucher.)

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Bertolt Brecht

der zweifler

immer wenn uns
die antwort auf eine frage gefunden schien
löste einer von uns an der wand die schnur der alten
aufgerollten chinesischen leinwand, sodass sie herabfiel und
sichtbar wurde der mann auf der bank, der
so sehr zweifelte.

ich, sagte er uns,
bin der zweifler, ich zweifle, ob
die arbeit gelungen ist, die eure tage verschlungen hat.
ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige wert hätte.
ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
auf die wahrheit verlassen habt, dessen, was ihr gesagt habt.

… wer seid ihr? zu wem
sprecht ihr? wem nützt es, was ihr da sagt? und nebenbei:
lässt es euch nüchtern? ist es am morgen zu lesen?

… aber vor allem
immer wieder vor allem andern: wie handelt man
wenn man euch glaubt was ihr sagt, vor allem: wie handelt man?

[zitiert nach: Bodo Plachta, »Editionswissenschaft«, 3., erg. u. akt. Aufl., Stuttgart 2013, S.109]