Lambert-Forscher seien provisorisch auch auf die Startseite hingewiesen, wo unter »Aktuelles« eine durchsuchbare Textdatei mit sämtlichen Buchtiteln aus dem Versteigerungskatalog von Lamberts Nachlass angeboten wird.

Die Neuedition von Lamberts Monatsbuch

Hier entsteht peu à peu eine eingehende Beschreibung des Supplementbandes zu Lamberts Philosophischen Schriften, in dem Niels Bokhove und ich u.a. sein Monatsbuch neu edieren werden. (Die Arbeiten wurden zeitweise gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung.)

Der Band wird folgende Teile umfassen:

  • Einleitung
  • Text des Monatsbuchs in einer gegenüber der Fassung bei Karl Bopp verbesserten Lesung (s.u.)
  • ausführlicher Kommentar zu Lamberts Einträgen im Monatsbuch (s.u.)
  • Primärbibliographie (Verzeichnis aller bekannten Veröffentlichungen Lamberts) (s.u.)
  • separat: Verzeichnis der Rezensionen Lamberts (s.u.)
  • Katalog der erhaltenen nachgelassenen Manuskripte
  • chronologisches Verzeichnis der erhaltenen Briefe von und an Lambert (s.u.)
  • nach Korrespondenten geordnetes Verzeichnis der Briefe
  • Verzeichnis der benutzten Literatur
  • Personenregister
Beim sogenannten Monatsbuch handelt es sich um ein Manuskript Lamberts (18 Blatt, meist beidseitig beschrieben) im Codex L.I.a 740 der Universitätsbibliothek Basel, das in Stecks Verzeichnis und in der von Steinmann redigierten Kurzfassung als »Standorts-Katalog« die Nr. 2 trägt. Der schmale Codex 740 enthält außerdem nur noch das sogenannte Herderinventar, d.i. Johann III Bernoullis kurzes Verzeichnis derjenigen Manuskripte aus dem Lambert-Nachlass, die an Johann Gottfried Herder verliehen waren. Die Einträge des Monatsbuchs beginnen im Januar 1752 (also in Lamberts Zeit als Hauslehrer in Chur), die Grundsprache ist zunächst Latein.



Im Juli 1761 wechselt sie (auf einem neuen Blatt) vorübergehend zu Deutsch, was – wie in der Zeit üblich – auch einen Wechsel zu einer Kurrentschrift mit sich bringt. Ab Januar 1763 herrscht wieder Latein vor, bis 1773/74 und im letzten Lebensjahr erneut deutsche Einträge begegnen. Titel seiner Schriften gibt Lambert gewöhnlich in der Sprache der Publikation (Deutsch, Französisch oder Latein) an. Während die Eintragungen in den mittleren Jahren vergleichsweise ausführlich sind, werden sie dann wieder knapper; die Anzahl der Eintragungen pro Jahr sinkt erst ab 1773 merklich. Die letzte Notiz Lamberts betrifft die Fertigstellung der Pyrometrie im Mai 1777.


Man sieht, dass Lambert französische Titel (und einzelne lateinische oder französische Wörter) in seiner leicht lesbaren lateinischen Schreibschrift notiert. Die eigentliche Lesung des handschriftlichen Textes böte denn auch keinen zwingenden Anlass, die Ausgabe von Karl Bopp (München 1915) durch eine neue zu ersetzen, auch wenn wir Lamberts Unterstreichungen wiedergeben und gestrichene Stellen, die Bopp weggelassen hat, soweit es uns möglich war, entziffert haben, beispielsweise im September 1755:
<Adnotata quaedam ad Kraftii Instit. Geom. sublim.> Unser Kommentar: Auf diese Arbeit von Georg Wolfgang Krafft – gemeint ist Institutiones geometricae sublimiores, Tübingen: Berger 1753 (im Nachlasskatalog Maire 1778, S. 15, Nr. 272) – weist L. in „Observationes variae“ (#L1758.03, vgl. zuletzt Anm. 217), §15, Nr. IV, S. 137 hin. S. zu Krafft Anm. 276.
In wenigen Fällen führen Fehllesungen Bopp bei der Kommentierung auf die falsche Fährte: Unter März 1758 liest er »[...] adnexis compendiis spiralibus« statt »specialibus« (und verweist daher auf den falschen Lambert-Text); im April 1762 soll Lambert sich mit dem »Mscpt. der Niobide« Johann Jakob Bodmers beschäftigt haben, was die Identifizierung des Bodmerschen Werkes – der Noachide – ummöglich macht. Bei einem Eintrag vom Juli 1765 ist aus dem Ortsnamen »Unna« bei Bopp das an dieser Stelle sinnlose »terna« geworden.
   Aber auch kleinere Fehler können lästig sein: Zu Oktober 1752 ignoriert Bopp mit »expansion. calorem«, dass zwischen beiden Wörtern wohl noch das Zeichen für ›spiritus vini‹ und jedenfalls ein »p.« für ›per‹ steht, also vom Prinzip des Weingeistthermometers selbst die Rede ist. Die Gliederung der Themen kann bloß leicht verunklart sein: Zu Juni 1762 steht bei Bopp: »Theoremata über die Bewegung mehrerer Körper, so einand anziehen. Über Centrum gravitatis.« Wir lesen: »[…] Ihr Centrum gravitatis.« Gelegentlich kommen wir auch bei der Auflösung von Abkürzungen und der Gruppierung abgekürzter Einträge zu anderen Resultaten (so betrachten wir "Mach. Ichnogr." im August 1752 als zusammengehörig). Völlig irrelevant für den Benutzer sind solche Korrekturen gewiss nicht.

Andererseits war  Bopp als Mathematikhistoriker in der Lage, Kommentare zu mathematischen Problemen zu geben, die wir in vielen Fällen nur übernehmen können. Bopp stand freilich die relativ genaue Beschreibung der nachgelassenen Manuskripte, die (hauptsächlich) Max Steck erarbeitet hat, nachdem die Lambertiana von Gotha nach Basel verkauft worden waren, noch nicht zur Verfügung. Seine Angaben beziehen sich weder auf die neuen Katalognummern (einige Teile wurden zudem umgeordnet) noch auf die neue Seitenzählung, so dass die Identifikation der von ihm gemeinten Handschriften bisweilen schwierig ist. Schließlich sind im Rahmen der Edition der Philosophischen Schriften in Band X eine ganze Reihe der Baseler Manuskripte erstmals gedruckt und damit bequem zugänglich gemacht worden, was in Bopps Kommentar natürlich nicht zu erkennen ist.

Die bessere Erschließung des (jetzigen) Baseler Nachlasses gab auch Grund zu der Hoffnung, dass sich in dem ein oder anderen Fall eine weitere Handschrift in Bezug zu einem Monatsbuch-Eintrag setzen lassen würde. Überdies war zu vermuten, dass die modernen Recherchemöglichkeiten und die Kenntnis weiterer Handschriften Lamberts (vor allem des Materials im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin) zu einer Vermehrung der Kommentare und natürlich auch zu Korrekturen führen würden – all dies hat sich bewahrheitet; ein einschlägiges Beispiel ist unser Kommentar zum Eintrag »Animadversiones ad Logic. algebr. praecipue determinatio relationis, et rationis« vom November 1753:
Vielleicht zu beziehen auf L.I.a 744C/14 (Phil. Schr. X.1, S. 93-104), „Schedae variae de analysi logica“; s. besonders 14a (Phil. Schr. X.1, S. 93-95), wo die Relationen der Ideen betont werden. Vgl. weiter XII.1753, Anm. 99, I.1754, Anm. 105. [Kein Komm. bei Bopp.]
Wie zu sehen ist, haben wir uns besonders bemüht, die Kontinuitäten von Lamberts Arbeit an einem bestimmten Thema oder Problem sichtbar zu machen, soweit sie im Monatsbuch aufscheinen.

Auch in der Primärbibliographie verfolgen wir das Ziel, möglichst viele Verknüpfungen zwischen dem veröffentlichten Werk, Zeugnissen seiner Entstehung und Rezeptionsbelegen herzustellen. Daher geben wir bei jedem Eintrag zu einer selbständigen oder unselbständigen Veröffentlichung wichtige Stellen des Monatsbuchs an, in denen Lambert sich darauf bezieht, außerdem entsprechende Briefstellen, vor allem im gedruckten Briefwechsel. Überdies konnten wir deutlich mehr zeitgenössische Rezensionen ermitteln, als Bopp, Steck und Maarten Bullynck bislang angegeben haben (ohne dass wir dabei Vollständigkeit hätten anstreben können). So wird zum Beispiel leicht erkennbar, dass Abraham Gotthelf Kästner fast die gesamte naturwissenschaftliche Publikationstätigkeit von Lambert kritisch begleitet hat.
Was die Vollständigkeit der Primärbibliographie selbst angeht, konnten wir vor allem Lamberts Beiträge zum Berliner Astronomischen Jahrbuch genauer ermitteln (wofür die Sichtung des Berliner Lambert-Nachlasses im Archiv der BBAW entscheidend war) und etwas mehr Licht auf seine journalistische Betätigung werfen.

Getrennt von den übrigen Publikationen verzeichnen wir Lamberts Rezensionen. Gestützt auf die teilweise in Basel erhaltenen Manuskripte konnten wir die Siglen, die in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek für Lambert als Rezensenten stehen, unabhängig von dem nicht immer verlässlichen Verzeichnis Gustav Partheys ermitteln und so erstmals eine zuverlässige und umfassende Liste aller (mehr als 440) Besprechungen aufstellen, die Lambert für dieses wichtigste deutsche Rezensionsorgan der Aufklärung verfasst hat – nicht nur der philosophischen, die wir schon in den Bänden VIII und X der Philosophischen Schriften berücksichtigt haben. Über das Personenregister werden sich alle Autoren von Werken, zu denen sich Lambert kritisch geäußert hat, bequem auffinden lassen.

Eng mit der Kommentierung des Monatsbuchs hängt unsere Aufbereitung der Korrespondenz Lamberts zusammen: Da die Beziehung eines Manuskripts zu einer isolierten, knappen Inhaltsnotiz im Monatsbuch in vielen Fällen zunächst nur vermutungsweise hergestellt werden kann, bieten gleichzeitige briefliche Äußerungen eine wichtige Quelle zu Erläuterungen – auch diese haben wir (gestützt vor allem auf alle fünf Bände der Ausgabe der deutschen wissenschaftlichen Korrespondenz durch Johann III Bernoulli) noch stärker als Bopp zu nutzen versucht.

Das Briefverzeichnis (in chronologischer und alphabetischer Ordnung) umfasst nun in der endgültigen Fassung 874 Briefe von und an Lambert, von denen inhaltlich etwas bekannt ist (bspw. in Form einer Veröffentlichung, des erhaltenen Originals oder Konzepts oder auch einer bloßen Antwortnotiz Lamberts; lediglich erschlossene Briefe sind nicht mitgezählt). Einer der letzten wichtigen Arbeitsschritte war ein Abgleich mit den Briefdaten aus einer Neukatalogisierung des Handschriftenbestandes der UB Basel, die von der UB online (im Katalog IDS Basel Bern) zugänglich gemacht werden. Die Fortschritte bei der Veröffentlichung von aktuellen und genauen Daten zu den Baseler Handschriften lassen es angebracht erscheinen, dass wir uns in einem gedruckten Briefverzeichnis mit Angaben zu den Handschriften selbst kurz fassen; der Hauptnutzen unseres Verzeichnisses liegt in der Berücksichtigung von Briefen außerhalb der Baseler Lambertiana und Bernoulliana: Dazu gehören insbesondere die Originalbriefe Lamberts an Brander in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg und weitere Stücke in Berlin, Genf, Bern, Zürich usw. Unser Supplementband verzeichnet die Korrespondenz Lamberts damit deutlich umfassender und auch detaillierter (hinsichtlich der Briefdaten und der Fundorte) als die Aufstellung von Lamberts ›wissenschaftlichem Briefwechsel‹ in Max Stecks Bibliographia Lambertiana in der revidierten Fassung von 1971.
Ein typischer Eintrag für einen unveröffentlichten Brief, bei dem wir Angaben zum Inhalt machen können (das ist längst nicht bei allen ungedruckten Briefen der Fall), sieht etwa so aus wie der zum kürzlich in Zürich entdeckten Brief an Gessner:
K050 17.XI.1759, Augsburg; L. an Johannes Gessner; Orig. ZB Zürich, in Autogr Ott: Johann Heinrich Lambert; keine Veröff. bekannt – Ein gef. Blatt, drei Seiten Brief, 4. Seite Adresse und Siegel. Der Brief wird erwähnt in Gessners nächstem Schreiben vom 12.I.1760 (K054). Ein Auszug von unbekannter Hand in ZB Zürich, Ms M 18 20 (vgl. dazu K079). Inhalt: Über Teleskop-Aufträge Gessners an Brander; L. wolle sich demnächst mit dem von Gessner formulierten Problem vom Maximum und Minimum der Vergrößerung bei Fernrohren beschäftigen (vgl. K049, DGB II 179); zu Gessners Tübinger Dissertation über Kometen, die L. gelesen hat; über Experimente und Resultate zur Photometrie.
Wie man unschwer erkennt, sind die Briefe in unserem Verzeichnis mit Nummern in der Form »K000« versehen, so dass in den übrigen Teilen des Bandes knapp auf sie Bezug genommen werden kann. Ein Eintrag zu einem veröffentlichten Brief ist meist kürzer:
K056 2.II.1760 Berlin; Leonhard Euler an L.; L.I.a 689, f.177-178; L1924.01, S.10-12 – Euler-Bfw. Nr.1406.
Hinter »L1924.01« verbirgt sich eine Angabe in unserer Primärbibliographie, in diesem Fall Karl Bopps Ausgabe des Briefwechsels zwischen Lambert und Euler von 1924, »Euler-Bfw.« steht für den ersten Band (1975) der Reihe IV der großen Euler-Edition, in dem die Briefe von und an Euler in Regestenform verzeichnet sind.
Von einem ein für allemal endgültigen Verzeichnis aller (auch nur der erhaltenen) Briefe von und an Lambert sind wir damit allerdings wohl noch ein gutes Stück entfernt: Unsere Ressourcen waren begrenzt; wir konnten insbesondere nicht bei allen Korrespondenten Lamberts nach deren Nachlässen usw. recherchieren oder auch nur die dazu existierenden Hilfsmittel ausschöpfen. Es erscheint uns durchaus möglich, dass noch einzelne Stücke aus dem Briefwechsel etwa mit Gessner, Escher, Sulzer oder von Haller ans Licht kommen, dass in irgendeinem Archiv Briefe Lamberts an uns unbekannte Adressaten auftauchen oder dass amtliche Schreiben Lamberts als Oberbaurat (vielleicht im Preußischen Geheimen Staatsarchiv) entdeckt werden. In Lamberts Korrespondenz gibt es ja viele Hinweise auf weitere Briefe, die auch mangels einer umfassenden Edition noch nicht vollständig ausgewertet werden konnten. Der Hinweis »… ist nicht erhalten« im Briefverzeichnis ist entsprechend zu interpretieren.
Der größte Fortschritt in unserer Kenntnis der Lambert-Briefe über unser Verzeichnis hinaus ist in den nächsten Jahren durch Digitalisierungen in Schweizer Archiven zu erwarten!

[Eine Beschreibung der übrigen Teile des Supplementbandes folgt.]